Das Rosenhan-Projekt

 

1973 veröffentlichte der amerikanische Psychologieprofessor David L. Rosenhan in der Zeitschrift „Science“ die Ergebnisse eines Tests. Mehrere Personen, darunter er selbst, hatten sich in psychiatrische Krankenhäuser aufnehmen lassen. Zu diesem Zweck hatten sie den Ärzten erzählt, sie hörten Stimmen, die die Worte „leer“,„hohl“ und „dumpf“ sagten.

In der Klinik verhielten sie sich völlig normal. Etwa ein Drittel der anderen Patienten äußerte den Verdacht, dass sie gar nicht krank seien. Den Ärzten und dem Pflegepersonal kamen solche Bedenken kein einziges Mal.

Die Versuchsteilnehmer stellten bald fest, dass Ärzte und Pfleger meist einfach weitergingen, wenn ein Patient sie ansprach. Das Anfertigen von Notizen mutierte im Rahmen des Krankheitsbildes zum „Gehabe des Schreibens“.

Als die ersten Ergebnisse veröffentlicht wurden, behaupten die Mitarbeiter einer Fachklinik, sie hätten sich nicht täuschen lassen. Daraufhin kündigte Rosenhan an, in nächster Zeit werde er ihnen einige Pseudopatienten schicken. Obwohl er nichts dergleichen tat, wurden dort plötzlich erstaunlich viele Diagnosen in Frage gestellt. Bei mehr als 20 Prozent der Patienten bezweifelte mindestens ein Mitglied des Pflegepersonals die Echtheit, und mehr als 10 Prozent kamen mindestens einem der Psychiater suspekt vor.

Rosenhans Versuchsteilnehmer hatten sich durch gezielte Äußerungen selbst in diese Situation gebracht und konnten Vorsorge treffen. Dank falscher Namen wurde auch die echte Biographie nicht verfälscht. Außerdem hatte Rosenhan ihnen zuvor beigebracht, wie man Tabletten geschickt unter der Zunge versteckt, um sie nicht hinunterschlucken zu müssen. Obwohl sie nach der Aufnahme keinerlei Symptome mehr zeigten, dauerte es zwischen sieben und 52 Tagen, bis sie entlassen wurden, ausnahmslos mit der Diagnose „abklingende Schizophrenie“.

Interessant ist auch noch folgendes: Um festzustellen, wie zuverlässig psychiatrische Diagnosen sind, unterzogen sich der amerikanische Psychiater Aaron Beck und vier seiner Kollegen im Jahre 1962 einer Art Selbsttest. Jeweils zwei von ihnen untersuchten insgesamt 153 Patienten und verglichen dann ihre Ergebnisse. Bei jedem zweiten Patienten kamen sie zu leicht unterschiedlichen Diagnosen. Bei jedem fünften waren die Abweichungen so groß, dass einer von beiden falsch liegen musste. Und das ist das Ergebnis bei Psychiatern, die sich ihrer Fehlbarkeit bewusst sind. Die Überzeugung, gar nichts falsch machen zu können, dürfte die Gefahr einer Fehleinschätzung noch erhöhen.

 

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