Mordkomplott gegen ukrainischen Oligarchen in Wien

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Mordkomplott gegen Oligarchen Firtasch in Wien

06.11.2014 | 17:02 | VON EDUARD STEINER (DiePresse.com)

"Presse"-Exklusiv: Dem Ukrainer droht seit März die Auslieferung von Österreich an die USA. Fast ebenso lange warten seine Gegner darauf, ihn hier zu töten.

Es hat von Anfang an Verwunderung ausgelöst, dass der in Österreich festsitzende ukrainische Oligarch Dmitro Firtasch unentwegt von Leibwächtern umgeben ist. Zwölf Leute an der Zahl, geteilt in zwei Gruppen zu je sechs, umringen den 49-jährigen Industriellen, der sich im wenig transparenten Geschäft mit Erdgas zwischen Russland, Zentralasien, der Ukraine und dem Westen einen Namen gemacht hat. Und ein Vermögen obendrein. Bis ihn österreichische Beamte am 12. März auf Grundlage eines US-Haftbefehls am Firmensitz seiner Holding Group DF in Wien-Wieden verhaftet haben. Zwar ging er gegen die Rekordkaution von 125 Millionen Euro frei. Aber das Land darf er nicht verlassen, bis über die Auslieferung in die USA entschieden ist.

Dass Firtasch seither von einer kleinen Privat-Armee bewacht wird, hat einen Grund. „Presse“-Recherchen zufolge besteht gegen den Ukrainer ein Mordauftrag. Quellen des deutschen Nachrichtendienstes bestätigten dies. Seit dem Frühjahr sei das Mordkomplott in Planung. Ein Killerkommando aus Ungarn und Rumänien sei zwischenzeitlich sogar in einer Wohnung in Wien-Landstraße eingemietet gewesen.

Staatsanwaltschaft: "Er ist ja aus dem Osten"

Generalprokurator Werner Pleischl bestätigte die „Presse“-Informationen über den Mordplan. Firtaschs Anwalt Dieter Böhmdorfer habe ihn kontaktiert, sagt Pleischl: „Ich habe mich nicht sonderlich gewundert, denn erstens kommt Firtasch aus dem Osten und zweitens ist viel Geld im Spiel.“

Firtaschs Umgebung hat bei der Polizei Schutz angefordert, wie Roman Hahslinger, Sprecher des Wiener Landespolizeipräsidenten, der „Presse“ erklärt. Die Polizei hat daraufhin alle verfügbaren Informationen dazu gesammelt und „aufgrund unserer Erfahrung mehrere Hintergründe in Betracht gezogen“, so Hahslinger. Am Ende wurde vorerst einmal kein Polizeischutz bereitgestellt. „Wir kamen zum Schluss, dass über den Sommer kein besonderer Polizeischutz nötig war“. Aus Polizeikreisen aber ist zu erfahren, dass der österreichische Verfassungsschutz nach der Information über die Sicherheitsgefährdung nun doch ein Auge mehr auf diese exponierte Person hat.

In Firtaschs Umfeld sieht man noch lange keinen Grund für eine Entwarnung und ist der Ansicht, dass Österreich die Bedrohungslage jetzt ernster nimmt als zuvor. „Wir sind mit den zuständigen Behörden ständig in Kontakt“, sagt Robert Shetler-Jones, Vizechef von Firtaschs Unternehmensgruppe GDF und rechte Hand Firtaschs: „Wegen der Gefährdung und des guten Verhältnisses zu den Behörden teilt Firtasch jede Standortveränderung mit“.

Vermutung: Mordauftrag kommt aus Ungarn

Bleibt die Frage, wer Interesse daran hat, Firtasch zum Schweigen zu bringen. Informationen der „Presse“ zufolge nehmen Ermittler an, dass der Mordauftrag aus Ungarn kommt. Dort befanden sich früher wichtige Unternehmen von Firtaschs Imperium. Mittlerweile spielt der Ukrainer im ungarischen – so wie im ukrainischen – Gashandelsgeschäft keine Rolle mehr. Er wurde 2009 unsanft aus dem Geschäft gedrängt.

Der Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine war damals eskaliert und führte zu folgenschweren Lieferengpässen in Europa. Die damalige ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko eilte nach Moskau, um den Konflikt zu lösen. Sie handelte jenen umstrittenen Vertrag aus, der der Ukraine einen hohen Preis bescherte und bis heute großen Konfliktstoff bietet.

Julia Timoschenkos Erzrivale

Timoschenko, die selbst im Gasgeschäft reich geworden ist, entledigte sich in Moskau aber auch gleich eines persönlichen Problems: Ihr Erzrivale Firtasch, der jahrelang in einer wenig durchsichtigen Allianz mit Gazprom das Gashandelsunternehmen RosUkrEnergo (RUE) geführt und dabei Unsummen verdient hatte, wurde kurzerhand aus diesem Geschäft geworfen.

Daraufhin gerieten Firtaschs ungarischen Niederlassungen in Turbulenzen. Vor allem die Gashandelsfirma Emfesz, die bis dahin von RUE beliefert worden war, geriet in Bedrängnis. Am Ende verkaufte das Management das Unternehmen für einen USDollar an die RosGas AG in der Schweiz. Und zwar mit angeblich ungültigen Vollmachten und gefälschten Papieren, wie aus Ermittlungsakten hervorgeht.

„250 Millionen veruntreut“

„250 Millionen Dollar wurden aus der Emfesz abgezogen und veruntreut“, sagt Shetler-Jones: „Wir versuchen seit vier Jahren, Emfesz zurückzuerhalten und kooperieren mit den ungarischen Behörden.“ Nach jetzigem Stand der Ermittlungen besteht der Verdacht, der Mordauftrag gegen Firtasch könnte aus dem Umfeld des ehemaligen Emfesz-Managements kommen.

Gegen diese Kreise wird mittlerweile in Ungarn ermittelt. Sie hätten den Schutz höchster Kreise in der Regierung verloren, so die Fahnder. Und diese politische Rückendeckung soll es einst gegeben haben. Es bestehe der Verdacht, dass Emfesz-Gelder vor einigen Jahren auch der Korruption dienten. So sei erreicht worden, dass die ungarische Ölgesellschaft Mol im Bieterkampf mit der österreichischen OMV das Rennen um den kroatischen Ölkonzerns Ina gemacht habe.

Firtasch hat in Ungarn und der Ukraine viele Gegner. Offenbar fürchten diese Leute, dass Firtasch alte Besitzstände zurückerobern will oder nach seiner Auslieferung in die USA über die Machenschaften im osteuropäischen Gasgeschäft auspacken könnte. „Firtasch sitzt nun seit acht Monaten in Wien fest und das Verfahren läuft“, sagt Shetler-Jones. Noch ist völlig offen, ob und wann Dmitro Firtasch an die Vereinigten Staaten ausgeliefert wird.