Stasi auf dem Schulhof

Wie Jugendliche von der Stasi gezielt angeworben wurden


Jugendliche galten in der DDR als zuverlässige Spitzel und wurden deshalb von der Regierung zahlreich eingesetzt: Mit den von ihnen beschafften, scheinbar harmlosen Informationen über Klassenkameraden, Freunde und deren Familien halfen sie der Staatssicherheit, ihre Macht zu sichern.

Vielen der damals jungen Menschen war gar nicht bewusst, welchen Verrat sie begehen - und sie leiden heute unter den Folgen. Es ist schwer vorstellbar und klingt nach einem Agentenfilm: Zirka 8000 so genannte IM (Inoffizielle Mitarbeiter) der Stasi gab es in der Zeit des Mauerfalls 1989, wie der Berliner Psychotherapeut Klaus Behnke bei den Recherchen für sein Buch "Stasi auf dem Schulhof" herausfand. "Ich kam 1992 zum ersten Mal mit einem jugendlichen IM in Kontakt und war fassungslos, wie die Jugendlichen in der DDR missbraucht wurden", erklärt der 63-jährige.

In seinem Buch zeigt Behnke, wie leicht beeinflussbar Jugendliche waren, wie sie zu Instrumenten der Staatsgewalt wurden und welche Auswirkungen das bis heute auf sie hat. Dabei lässt er auch Betroffene zu Wort kommen, unter anderem die 47-jährige Katja Brenner aus Sachsen, die die Stasi als Schülerin im Alter von 16 Jahren anwarb. Genau wie die meisten jugendlichen IM rief man sie eines Tages ins Direktorat, wo sich ihr ein Mitarbeiter des MfS vorstellte. "Man bat mich, dem Staat zu helfen, um feindliche Aktivitäten aufzudecken und die Gesellschaft etwas besser zu gestalten", erinnert sich Katja Brenner. Hierfür sollte sie sich lediglich unter den Gleichaltrigen umhören, Stimmungen und Meinungen sammeln und darüber berichten. "Diese Anwerbung geschah mit viel Lobhudelei, was ich doch für ein schlaues Mädchen sei und enorm wichtig für den Staat", berichtet sie und erinnert sich, dass sie aufgrund des Gefühls, wichtig zu sein, und des reizvollen Verbotenen zustimmte. "Was genau die Stasi machte, wusste von uns Jugendlichen niemand, man sprach nicht darüber und gleichzeitig waren Stasi-Mitarbeiter als Eltern von Freunden scheinbar ganz normale Menschen in unserer Gesellschaft." Und so fing auch Katja Brenner an, ihrem Führungsoffizier bei regelmäßigen Treffen über ihre Beobachtungen zu berichten und schriftliche Berichte in Form von Lebensläufen oder Einschätzungen über andere Jugendliche abzugeben. "Ich dachte am Anfang, dass diese privaten Informationen niemals gegen jemanden verwendet werden können, weil es in meinen Augen zum größten Teil Belangloses oder sowieso Bekanntes war. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich anderen schade oder sie verletze", sagt sie rückblickend. Aber mit der Zeit wurde ihr klar, wie die erwachsenen Stasi-Mitarbeiter aus vielen Puzzleteilen ein Bild zusammensetzten und die von ihr gemeldeten Informationen gezielt gegen andere einsetzten. "Ich wusste, es ist nicht fair, was ich tue, und ich bekam ein rabenschwarzes Gewissen", sagt Katja Brenner, die trotzdem nicht sofort mit ihrer Tätigkeit als Spitzel aufhörte. Denn in dem diktatorischen Überwachsungsstaat der DDR hatten die meisten Bürger Angst, dass eine Verweigerung schlimme Folgen hat. Dabei gab es diese nach der Einschätzung von Experte Klaus Behnke fast nie, sondern solch "untreue" IM wurden von der Stasi einfach nicht mehr kontaktiert. "Bei mir hatte es die Stasi außerdem geschickt eingefädelt, weil mein Führungsoffizier gleichzeitig mein Geliebter war - der mich nach der Wende jedoch wie eine heiße Kartoffel fallen ließ", erinnert sich Katja Brenner. Damals mit 23 Jahren war ihre Tätigkeit als jugendlicher Spitzel plötzlich vorbei, aber andere Probleme fingen an. In Behnkes Buch schildert sie die Verlusterfahrungen auf unterschiedlichen Gebieten und welche Auswirkungen diese hatten. Abgesehen von den Problemen, sich nach dem Ende der DDR plötzlich in einer Demokratie und einem eigenverantwortlichen Leben zurechtzufinden, musste sich Katja Brenner auch mit ihrer Stasi-Tätigkeit auseinandersetzen. "Ich war sofort offen für den Austausch mit anderen, die mich immer wieder nach dem "Warum" befragten", so Brenner, die sich bis vor drei Jahren nur als Täter sah und sich schwer verzeihen kann. "Ich schüttle über mich selbst den Kopf und weiß nicht, weshalb ich nicht mehr reflektiert habe, sondern alles frei heraus plauderte." Psychologe Klaus Behnke behandelt viele Patienten mit einem ähnlichen Schicksal und beobachtet bei allen ähnliche Auswirkungen: "Diese Menschen sind Opfer in der Täterschaft und haben noch einen langen und mühsamen Weg vor sich. Sie brauchen keine Verurteilung, sondern Verständnis!" Denn viele leiden aufgrund ihrer Tätigkeit als Spitzel unter Folgeschäden wie Alkoholismus und weiteren Suchtkrankheiten, psychosomatischen Störungen, Verfolgungswahn, Phobien, Herzrasen und Verlassenheitsgefühl. Klaus Behnke/Jürgen Wolf (Hrsg.): Stasi auf dem Schulhof. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch das Ministerium für Staatssicherheit. Europäische Verlagsanstalt, 305 S., 19,90 Euro

 

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