Wirtschaftsflüchtlinge,Asylanten,Heimatvertriebene ...

Romantisierung

von Manfred Maurer

TAUSENDE MENSCHEN ZIEHEN derzeit aus den Krisenregionen dieser Welt über Österreich nach Deutschland. Diese Flüchtlings- und Migrationswelle bedeutet eine der größten Herausforde­rungen der Europäischen Union. Weil die Massen nicht immer und überall nur mit offenen Armen aufgenommen wer­den und nicht wenige hierzulande in der Menschenflut aus fernen Kulturen auch ein Problem sehen, hörte man in den vergangenen Wochen oft den Hinweis darauf, wie großherzig und selbstlos die Österreicher doch bei früheren Flucht­wellen gehandelt hätten.

Neben der großen Flucht nach dem Ungarn-Auf­stand 1956 und während der Balkan­kriege in den 1990er Jahren wird immer wieder auch auf die Nachkriegszeit ver­wiesen. Damals hätten die Österreicher selber nichts gehabt, aber trotzdem die vielen Volksdeutschen viel weniger pro­blematisch integriert, als dies heute im viertreichsten Land Europas der Fall ist.

WER VON DER GESCHICHTE keine Ahnung hat, den wird der Vergleich be­eindrucken und beschämen. Das Pro­blem: Der Vergleich hinkt nicht nur ein bißchen, er ist in jeder Hinsicht unzuläs­sig.

Zum einen handelte es sich damals um Menschen, die ihre Heimat gar nicht hatten verlassen wollen, sondern unfrei­willig verlassen hatten müssen. Diese Vertriebenen hatten nicht die Wahl, ob sie selbst unter widrigsten Umständen in ihrer Heimat bleiben oder lieber wo­anders ein besseres Leben suchen soll­ten. Es waren also keine Flüchtlinge im eigentlichen Sinne, die ihre Heimat letztlich doch aus eigenem Antrieb ver­lassen haben.

UND DANN ZUR Aufnahmebereit­schaft der Österreicher: Da haben of­fenbar die vielen Sonntagsreden, in de­nen der wunderbare Beitrag der Volks­deutschen zum Wiederaufbau Öster­reichs gewürdigt wird, zu der romanti­sierenden Vorstellung beigetragen, daß das alles damals wunderbar menschlich abgelaufen ist und alle zufrieden waren.

Der Vergleich mit heute trifft nur inso­fern zu, als es auch 1945 / 1946 Son­derzüge nach Deutschland gab. Diese verfrachteten die in Österreich gestran­deten Volksdeutschen nach Deutsch­land. Viele solcher Züge hat es ge­geben. „Österreich wollte nichts mit der Mehrheit der vertriebenen Sudeten­deutschen zu tun haben, die Mehrzahl der Vertriebenen wurde 1946 von Österreich nach Deutschland weiter­geleitet", sagte etwa der Historiker Niklas Perzi vom Institut für Migrations­forschung in Sankt Pölten im März bei einem Symposium der Sudetendeut­schen Jugend Österreichs.

DIE HEIMATVERTRIEBENEN waren Staatenlose, nur die wenigsten hatten die österreichische Staatsbürgerschaft. Denjenigen, die man unbedingt als Fachkräfte und Spezialisten im Land behalten wollte, gab man durchaus die Staatsbürgerschaft. Der größere Teil aber mußte in Lagern hausen, ohne daß sie auf Hilfe von sogenannten Nichtregierungsorganisationen hoffen konnten.

Noch im Februar 1956 mußte die „Sudetenpost" auf Seite 1 von Ver­handlungen zwischen Bund und Län­dern über diese Lager schreiben: „Man rechnet damit, daß es noch zehn Jahre dauern wird, bis man die Barackenlager völlig entbehren kann." 20.894 Sude­tendeutsche lebten 1955 allein in Ober­österreich noch in solchen Lagern.

DASS ES TROTZDEM heute viele Erfolgsgeschichten über in Österreich verbliebene Sudetendeutsche zu erzäh­len gibt, hat nicht zuletzt mit deren Fleiß und Anpassungsfähigkeit zu tun. Es gab keine langen Diskussionen um das Ausmaß der erforderlichen Integration. schon gar nicht einen dafür zuständigen Minister. Die Neuankömmlinge hatten sich einfach zu integrieren, wenn sie überleben wollten.

Daß sie ihre kulturellen Wurzeln dennoch nicht vergessen haben und trotz­dem gut integriert wurden, liegt wohl auch daran, daß die Kulturen der alten und der neuen Heimat ganz gut zusammengepaßt haben. Bei allen Mentalitätsunterschieden bedeutete das Aufeinandertreffen der un­terschiedlichen Sitten und Bräuche für keine Seite einen Kulturschock.

AUCH DAS IST EIN PUNKT, der jeden Vergleich mit der heutigen Völkerwande­rung absurd erscheinen läßt.

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 9 vom 8. Oktober 2015.

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