Der alte Goethe und die katholische Kirche

Die Einwirkungen Böhmens auf die Religiosität des Dichters

 

 

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Goethes Verhältnis zum Katholizismus werde oft als widersprüchlich bezeichnet. So begann Professor Rudolf Grulich in Nidda seine Ausführungen über Goethe und Böhmen. „Sowohl angezogen als auch abgestoßen war der Dichterfürst in Italien von der dortigen Kirche. Zeitlebens äußerte er gegenläufige Gefühle“, schrieb Erich Kock, eine Aussage, der Grulich widersprechen, denn es sei der Goethe seiner Italienischen Reise vom späten Goethe zu unterscheiden.

Bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Böhmen machte Goethe ganz andere Aussagen über die katholische Kirche machte als gut dreißig Jahre zuvor. Zum Verständnis Goethes gehöre vor allem der Prager Autor Johannes Urzidil mit seinem in Goethes 100. Todesjahr 1932 erschienenem und 1960 neu aufgelegtem Buch „Goethe in Böhmen“, aber auch die Goethe-Festschrift des von Goethe besuchten böhmischen Stiftes Tepl, vor allem aber ein Blick auf die katholischen Priester, denen Goethe bei seinen Reisen und Aufenthalten in den Klöstern West- und Nordböhmens begegnete.

Dann zeige sich nämlich, daß Goethe zu seinen Spätzeiten im katholischen Milieu Böhmens rezipiert war, und ein Goethe redivivus damals nicht Stoff „für nachholbewusste Katholiken“, sondern eher für protestantische Kreise war. Rühmt Goethe doch selbst gegenüber böhmischen Freunden, „daß man in katholischen Ländern gelten läßt, was in calvinistischen nicht nur verboten, sondern sogar diskreditiert ist“. Damals hatte ihm ein Freund und Verehrer, der Zisterzienserpater Anton Franz Dittrich aus dem nordböhmischen Kloster Osseg, eine Dissertation der Prager Universität geschickt, in der „sub auspiciis“ des Prager Erzbischofs auch Goethes Farbenlehre behandelt war, während gleichzeitig „protestantische Universitäten, welche sich so großer Liberalität und Pressefreiheit rühmen, sein Werk in Verruf getan, weil es ihren Beschränktheiten widerspreche“. Noch in seinem Todesjahr notiert Goethe in seinem Tagebuch die „vorteilhafte Stellung der katholischen Naturforscher“.

Erst mit seinem fünften Besuch in Böhmen lenkt Goethe 1806 seine Aufmerksamkeit auf den böhmischen Katholizismus. Er besucht damals den Wallfahrtsort Maria Kulm bei Eger, sieht dort ein Jahr später „mit Wohlgefallen“ die Fronleichnamsprozession, die er sich später auch in Karlsbad nicht entgehen lässt, wo er sonntags auch zum Hochamt geht. Anläßlich seiner Bade-Aufenthalte in Teplitz besucht er zweimal das Zisterzienserstift Osseg und ebenso den Wallfahrtsort Mariaschein. Der Abt des Klosters empfängt ihn ehrenvoll und feierlich in einer Zeit, während die englische Geistlichkeit in ihrem Puritanismus Goethe rufmörderisch ablehnte und indizierte.

Neben Osseg lernt Goethe in Böhmen auch das Prämonstratenserkloster Tepl bei Marienbad kennen. Das Stift hatte unter Abt Kaspar Reitenberger den jungen Kurort Marienbad großzügig ausgebaut. Diesem Prälaten begegnete der Gast aus Weimar 1821 regelmäßig bei der Morgenkur am Kreuzbrunnen und besucht ihn auch im August 1821 und im Juli 1822 im Stift Tepl. Reitenberger macht ihn mit den Texten zeitgenössischer französischer Predigten bekannt und Goethe staunt: „So mächtige Schritte nach entschiedenem Ziel, so viel redekünstlerische gewandte Kühnheit im Einzelnen findet sich nicht leicht beisammen… In diesen Reden ganz päpstlich royalistischen Inhalts findet sich keine Spur von Mönchtum und Pfäfferei.“

Entscheidend für Goethes Einstellung zum Katholizismus war auch seine Bekanntschaft, ja Freundschaft mit dem Tepler Priester Stanislaus Zauper (1784-1850). Zauper schuf die erste systematische Übersicht über Goethes Werke, aus denen er als Professor am Pilsner Deutschen Gymnasium die „Grundzüge zu einer deutschen theoretisch-praktischen Poetik“ entwickelte.  Der Briefwechsel zwischen beiden dauerte bis zu Goethes Tod, als dieser nach dem Ende seiner Liebe zu Ulrike von Levetzow 1823 Böhmen nicht mehr besuchte. Im Einvernehmen mit dem Dichter hatte Zauper auch 1822 Tagebucheintragungen, Reflexionen und Aphorismen als „Studium über Goethe“ veröffentlicht, ein Büchlein, das 1840 in erweiterter Auflage neu erschien. Die Gespräche zwischen beiden berühren Gott und die Welt, Politik, Wissenschaft, Ethik, Religion.

Als später auch Zauper durch die wachsende Restauration Schwierigkeiten bekommt, vertraut er 1836 seinem Tagebuch an: „Ich kehre immer wieder zu Goethe zurück, um ein guter, echter Christ, ja Katholik zu bleiben.“ 1836 gibt Zauper ein Gebetbuch heraus, das auch Goethe-Texte enthält.

In manchen der späten Gedichte Goethes fallen katholische böhmische Elemente auf, so in der „Wandelnden Glocke“ (1813) oder in „St. Nepomuks Vorabend“ (1820). Auch die Marienbader Elegie ist letztlich ein religiöses Gedicht, „ein Pathos von kirchlicher Großartigkeit, das aus den Paradiesen der Herzensschwermut die Geliebte zur Heiligengestalt erhebt“ (Johannes Urzidil). Von hier geht eine Linie zu den Schlußszenen von Faust II. Auch die katholischen Motive der „Wanderjahre“ weisen nach Böhmen. Zauper interpretiert auch die „Wahlverwandtschaften“ katholisch. Wenn Thomas Mann die „Wahlverwandtschaften“ Goethes „allerchristlichstes“ Werk nannte, so will es Urzidil getrost sein allerkatholischstes nennen.

Erst kürzlich ist von Grulich das bis dahin unbekannte 360-seitige Tagebuch Zaupers entdeckt worden. Es ist in der Zwischenzeit bereits übertragen und wird von einer Doktorandin bearbeitet, die in Prag auf ein weiteres Tagebuch Zaupers stieß.

Angelika Steinhauer

 

 

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