Die Sudetendeutschen und die Ukraine           
Tag der offenen Tür im Haus Königstein

„So stelle ich mir eine gute Erwachsenenbildung vor“, erklärte nach dem Vortrag eine Teilnehmerin, die als Pfarrgemeinderatsvorsitzende aus einer bayerischen Nachbar-Diözese zum Tag der offenen Tür ins Haus Königstein in Geiß-Nidda gekommen war.

                     Haus Königstein in Geiß-Nidda

Der Leiter des Instituts für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien referierte dort über das Thema Die Sudetendeutschen und die Ukraine.

Der Referent stellte fest, dass trotz des derzeitigen Krieges in der Ostukraine die Ukraine das am wenigsten bekannte Land Europas sei. Dabei ist das Land größer als Frankreich oder Spanien und mit 50 Millionen Menschen gehören die Ukrainer zu den größten Völkern Europas. Im Laufe einer mehr als 1000-jährigen Geschichte bestanden viele Kontakte zwischen den böhmischen Ländern und der Ukraine.

Wie schon der Name Ukraine sagt, war das Land immer ein Grenzland und war nach der Annahme des Christentums im Jahre 988 in Kiew das Zentrum der ostslawischen Kultur gewesen. Zwar wurde die 1000-Jahrfeier der „Taufe Russlands 1988 feierlich begangen, aber man müsse unterscheiden zwischen „russisch“ und „russländisch“, führte Grulich weiter aus. Aus der Kultur der alten „Kiever Rus“ hätten sich die Kulturen der Ukrainer, Russen und Weißrussen entwickelt.

Aber bereits vor dem Jahre 988 war die Großfürstin Olga eine Christin, die sich von Kaiser Otto dem Großen einen Bischof erbat. Der Kaiser schickte den Mönch Adalbert aus Trier nach Kiew, der sich dort nicht halten konnte und deshalb zurückging und als Bischof von Magdeburg starb. Er firmte in Magdeburg den Slavnikiden Vojtech aus Böhmen, der den Firmnamen seines Bischofs erhielt und als Adalbert von Prag der zweite Bischof in Böhmen wurde.

Bei einem kurzen Streifzug durch die Geschichte erfuhren die Anwesenden, dass es einen Staat namens Ukraine nie gegeben hätte, seitdem das Kiewer Staatswesen im 13. Jahrhundert von den Mongolen zerstört wurde.

Die Ukraine hatte dann immer fremde Herrscher, zunächst die Litauer, dann, nach der Vereinigung des Großfürstentums Litauen mit dem Königreich Polen, die Polen und schließlich im Osten der Ukraine die Russen. Durch die Teilung Polens sei ein Teil der Westukraine zu Österreich gekommen, sodass der Kaiser in Wien auch König von Galizien und Lodomerien war und Herr der Bukowina. Teile der heutigen Ukraine gehörten auch zum Königreich Ungarn. Zwischen beiden Weltkriegen war die Karpato-Ukraine ein Teil der Tschechoslowakei. Das hatte sich natürlich auch auf die Kultur des Landes ausgewirkt.

Bis heute sind das Gebiet im Westen der Ukraine nach Europa und die Ostukraine nach Russland orientiert. Während die Russen unter dem Zaren das Ukrainische als „kleinrussischen“ Dialekt ansahen und als Schriftsprache verboten, war das Ukrainische bzw. Ruthenische in der k. u. k. Monarchie anerkannt. Die mit Rom unierte ukrainische Kirche bestand nur in Galizien weiter, wurde aber in den russischen Gebieten verboten, 1946 auch in den Gebieten, die Stalin bekam.

Besonders interessant waren die Fakten, die Grulich für die West-Verbindungen der Ukraine anführen konnte. Die heutige Freie Ukrainische Universität in München bestand bereits seit 1920 in Prag und siedelte nach dem Zweiten Weltkrieg nach München um, wo es auch einen katholischen ukrainischen Bischof gibt, der Mitglied der Deutschen Bischofskonferenz ist.

Es entspann sich nach dem Vortrag eine lebhafte Diskussion, denn Grulich hatte viele Probleme angeschnitten, wie die Krimtataren und deren Vertreibung durch Stalin, aber auch die Tatsache, dass der Ukrainer Chruschtschow die Krim erst 1956 an die Ukrainische SSR angeschlossen hatte, was Putin nun rückgängig machte.

Ausführlich berichtete er auch, dass es dem späteren Weihbischof Adolf Kindermann als Regens des deutschen Priesterseminars gelang, 1939 auch ukrainische Priesteramtskandidaten aus Lemberg nach Prag zu holen. Ihre spätere Tätigkeit in Rom und in der weltweiten Diaspora der Ukrainer zu untersuchen, sah Grulich auch als sudetendeutsche Aufgabe.

Angelika Steinhauer

 

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