Karl Brand – ein Prager expressionistischer Literat

So könnte Karl Brand ausgesehen haben. Dr. Lukáš Motyčka merkt an, dass die Zeichnung nach historischen Quellen und Berichten nachempfunden wurde.

Bildautorin Jarmila Opletalova

Quelle: Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur

Es war ein ärmliches Dasein, ein sehr ärmliches und vor allem kurzes Dasein, in das Karl Brand, bürgerlich: Karl Müller am 15. Oktober 1895 in Witkowitz (bei Mährisch-Ostrau) geboren wurde. Schon 1896 zog die Familie mit den fünf Kindern nach Prag, wo der Vater als Koch der K. u. K. Infanterie-Kadettenschule das Brot für die Familie verdiente.

Während des Besuchs der Deutschen Handelsakademie erkrankte der  junge Brand schwer an Lungentuberkulose. Gleichzeitig wurde er mit Franz Werfel bekannt und gelangte über diesen in den gerade für Künstler zu dieser Zeit renommierten Treffpunkt, ins Café Arcor, wo sich unter anderem auch der Kreis um Franz Kafka und Max Brod versammelte.

Im Laufe der Zeit wurden so Franz Kafka, Johannes Urzidil und Franz Werfel die Bezugspersonen von Brand. Die Bewunderung und Achtung Kafkas ging so weit, dass Brand auch eine Fortsetzung zum Buch Die Verwandlung von Kafka schrieb, nämlich Die Rückkehr des Gregor Samsa.

Das sicherlich vielen als Schullektüre bekannte Buch von Kafka endet damit, dass der Protagonist, Gregor Samsa, sich als Wanze verwandelt wieder findet und letzten Endes aufgrund der Missachtung der Familie elendig verendet. Die Rückkehr des Gregor Samsa lässt den Protagonisten, dessen Kadaver inzwischen außerhalb der Stadt gebracht wurde, wieder zu neuem Leben erwecken – als Mensch. Dem Lichtstrahl, wie Brand schreibt, ruft Samsa folgendes zu:

„Verkünder des Tages! Das große Leid, das ich durchlebte, machte mich wiederum zum Menschen. Ich habe niemals über das Schicksal nachgedacht, nun aber lerne ich, zu grübeln. Das Schicksal will, dass ich wieder vor jene Menschen hintrete, die ich Vater, Mutter, Schwester, Chef und Kollegen nenne, und die nichts für mich übrig hatten, da mein Leib vermorschte; die mich hassten und fürchteten, mich aus Scham vor anderen verbargen und deren Haß so weit ging, dass sie meinem Leib Wunden schlugen.“

Auch Brand musste großes Leid durchleben ohne Aussicht auf Heilung. Fast die Hälfte seines jungen Lebens litt er an Lungentuberkulose – es war sicherlich nicht von ungefähr, dass er Gregor Samsa ins Leben zurückkehren und neu beginnen ließ. Für Brand  dagegen gab es – zu dieser Zeit – keine Aussicht auf ein gesundes Leben, zumal seine Lebens- und Wohnsituation in dem feuchten, modrigen Haus wohl kaum seinen Zustand verbesserte.

Vergleicht man Kafkas Verwandlung mit Brands Leben – so auch Hartmut Vollmer (Prager Profile. Vergessene Autoren im Schatten Kafkas) – finden sich Parallelen. Die Fortsetzung wurde 1916 verfasst, also ein knappes Jahr vor seinem Tod. Brand war sich sicherlich bewusst, dass es für ihn zu diesem Zeitpunkt kein neues Leben geben würde und sah sich vielleicht auch selbst als „Parasit“, der von anderen abhängig ist.

Brand verstarb am 17. März 1917, nach einem längeren Krankenhausaufenthalt und einem „Siechtum“ einsam. Seine Werke – gerade jene kurz vor seinem Tode entstandenen – sind geprägt von Krankheit und Leid, dazu gehören die Erzählungen Der Elende sowie Krankenhaus-Atmosphäre.

Seine Werke sind ausdrucksvoll - expressionistisch eben: Absolut klar stellt er Sachverhalte dar und nutzt ausdrucksstarke Worte ohne zu beschönigen. So schreibt Brand in Der Elende:

„Wie lange noch? Wie lange noch, dass ich zusammenbreche, gestaltlos, um zu sterben? Der Gedanke fasst ihn hart an, unerbittlich, mit Macht, und drückt mit eiserner Faust seinen Nacken, dass er auf das Pflaster hinstürzte, lautlos wie ein ermattetes Roß. Sein Bewusstsein zerriss von oben bis unten wie ein Vorhang, in den sich ein polternder Blitz eingefressen hatte.“

Und die typische Szenerie im Krankenhaus beschreibt er in seinem Essay sehr direkt mit den Worten:

„Das Einsam-Mitleidlose (nirgends herrscht größere Mitleidlosigkeit als im Krankenzimmer einer Klinik) erfasst den Patienten, um ihn in die Tiefen unendlicher Langweile hinauszuschleudern.“

Des Gedenkens seiner Freunde aus dem Literaturkreis jedenfalls konnte er sich gewiss sein, Briefe von Werfel bezeugen gar die Spendenbereitschaft für Brand. Sein Vermächtnis wurde – nachdem es nicht Werfel tat, wie beabsichtigt – von Urzidil als Buchpublikation mit dem Titel Das Vermächtnis des Jünglings herausgegeben. Es sollte die erste und einzige Veröffentlichung des jungen und viel zu früh verstorbenen Brands sein – posthum 1917.

Julia Nagel

 

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