Gernot Facius: Die „Flüchtlingskrise“ und ein neues völkisches Prinzip

Deutschland, Europa im (Bücher-)Herbst 2015: Die Titel, die irgendwie mit dem wärmenden Thema „Heimat" zu tun haben, sind kaum noch zu zählen. Die Globalisierungs-Skepsis hinterläßt auch hier ihre Spuren, eine neue Autorengeneration greift zu Geschichten aus ihrer Region oder bedient sich am Erinnerungsschatz von Menschen, die Entrechtung, Flucht und Vertreibung persönlich erlebt haben.

Im Herbst des Lebens begeben sich selbst Zeitgenossen, die auf ihre „gelungene Integration" stolz sind, die das Reden über nationale Identität als spießig abgetan haben, auf die Suche nach ihren Wurzeln. Heimat ist eben mehr als ein Wort. Heimat wird zum sicheren Ankerplatz, je mehr sich Risse im Gebälk politischer Großinstitutionen zeigen. Aktuell, in der Frage von Asyl und Zuwanderung, steuert das europäische Projekt auf sein Scheitern zu. Es wächst die Sehnsucht nach stabilen Rückzugsorten. Genau diese kommen durch die neue „Völkerwanderung" unter Druck.

Die politische Union sei in Europa offenbar nicht möglich, bemerkte jüngst der Buchautor Hans von Trotha im Deutschlandradio. „Wir haben es ein paar Jahrzehnte lang probiert. Das Ergebnis ist, höflich ausgedrückt, beschämend... Kein Krieg in Europa - das ist viel. Mehr scheint auf Dauer in diesem Verbund allerdings nicht drin zu sein. Das ist bitter."

Diesen Pessimismus muß man nicht unbedingt teilen, man sollte ihn aber auf keinen Fall ignorieren. Denn in Krisen gilt in Brüssel und Straßburg stets die Titanic-Parole: „Every man for himself - Jeder für sich! Die weitgehende Handlungsunfähigkeit der Europäischen Union in dem, was „Flüchtlingskrise" genannt wird, in Wahrheit aber eine Krise der Politik ist, forciert im Volk die Rückkehr zum Nationalstaats-Denken.

Zwischen Regieren­den und Regierten tut sich eine Kluft auf. Angela Merkel stürzt mit ihrem Mantra „Wir schaffen das" - es ist mitursächlich für den ungebremsten Zustrom von Asylsuchenden - ihre CDU, vielleicht auch den Staat, in eine Phase der Schwäche. Die Naivität, mit der Merkel ihre Position verteidigt („Ja, es sind sehr, sehr viele. Aber wir sind 80 Millionen!") läßt nichts Gutes ahnen, sie ist das Symptom einer maßlosen Selbstüberschätzung.

Ein scharfzüngiger Kommentator spottete bereits, die Bundeskanzlerin habe den fröhlichen Honecker-Spruch „Vorwärts immer, rückwärts nimmer" neu aufgelegt. Zur Erinnerung: Unter dem SED-Diktator durfte die Frage nach der Richtung, in die marschiert wurde, nicht gestellt werden. Und heute?

Heute werden Zweifel, ob und warum man die Aufnahme Millionen Fremder denn überhaupt schaffen solle, als Zeichen volksverhetzerischer Gesinnung inkriminiert. Widerspruch wird von den Propagandisten einer ideologisch aufgeladenen „Willkommenskultur“ übertönt.

Gewiß, wer sich auch nur einen Hauch von Mitleidensfähigkeit bewahrt hat, wird Menschen, die in ihren Herkunftsländern ihres Lebens nicht, mehr sicher sind und deshalb in Deutschland, Österreich und anderswo im Westen Europas Zuflucht und möglicherweise, eine neue Heimat suchen, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Doch das betrifft nur einen Bruchteil der Neuankömmlinge, also diejenigen, auf die die Kriterien der Flüchtlingskonvention zutreffen.

Man muß differenzieren zwischen tatsächlich Asylberechtigten und illegalen Einwanderern. Und auch das gilt es zu beachten: Wer zum Beispiel nationalistische Emotionen gegen syrische Vertriebene und Flüchtlinge schürt, verrät die eigene Geschichte der aus ihrer Heimat vertriebenen Deutschen, da hat Bernd Posselt durchaus recht. Allerdings sollte man hinter seine in Interviews verbreitete These, daß das Thema Vertreibung unter dem Einfluß der jüngsten Ereignisse „bei uns in Deutschland wieder an Aktualität gewonnen hat", ein Fragezeichen setzen.

Zumindest die Ost- und Sudetendeutschen haben wenig von dieser Aktualität, aus ihr ergeben sich keine neuen operativen Ansätze einer Heilung des an ihnen verübten Unrechts, die Politik möchte das ja den Historikern überlassen. Man kann die Flüchtlings- und Vertriebenen-Ströme von damals mit der „Völkerwanderung" von heute zwar vergleichen, aber keinesfalls gleichsetzen.

„Wir importieren religiöse, ethnische und kulturelle Spannungen, die unser Land langfristig erheblich nachteilig verändern werden", schrieb in der „Frankfurter Allgemeinen" ein seit fast fünfzig Jahren der CDU angehörender Westfale. „Schon jetzt treten diese Spannungen in den Unterkünften zutage, wo es Fälle gibt, in denen christliche und jesidische Flüchtlinge beschimpft und unterdrückt werden und sich Flüchtlinge aus unterschiedlichen Herkunftsländern Messerstechereien und Massenschlägereien liefern."

In der Tat, diese Problematik wird sich mit steigender Zahl von „Flüchtlingen“ noch verschärfen. Dauerkonflikte sind zu befürchten. Niemand vermag zu sagen, wie viele islamistische Kämpfer sich unerkannt unter die armen Teufel aus dem Mittelmeergebiet gemischt haben und den Terror gegen Westen tragen.

Allein aus diesen Gründen verbietet sich jegliche Gleichsetzung mit den nach 1945 aus ihrer Heimat verjagten Deutschen. Man muß den tschechischen Staatspräsidenten Miloš Zeman ja nicht lieben. Er ist ein ungehobelter Klotz, seine Sprüche verraten eine fremdenfeindliche Grundeinstellung. Aber er spricht wenigstens Gefahren an, vor denen deutsche Politiker die Augen verschließen: daß in immer mehr Stadtvierteln die Scharia zur Basis des Zusammenlebens werden kann. Daß er Zweifel daran hegt, daß die aus einem anderen Kulturkreis kommenden Zuwanderer die westliche Kultur bereichert, wie von einer politischen, wirtschaftlichen und kirchlichen Lobby behauptet, sollte man ihm nicht ankreiden.

Nach Schätzungen der deutschen Bundesarbeitsministerin sind zwei Drittel der neuen Flüchtlinge nicht in den Arbeitsmarkt integrierbar - allein dieses Faktum schließt jede seriöse Parallele zu den seinerzeit aus den Ostgebieten, dem Sudetenland und den deutschen Siedlungsgebieten in Südosteuropa gekommenen Landsleuten aus. Selbst ein bislang stabiles Sozialsystem wird angesichts dieser Prognosen eines Tages unter die Räder kommen.

Daß das Ganze außer Kontrolle geraten kann, verschweigt auch Posselt in einem von der „Sudetendeutschen Zeitung" nachgedruckten Interview mit der tschechischen Zeitung "Katolicky tydenik" nicht. Für die Christen, sagte der SL-Sprecher, sei es am wichtigsten, für die Opfer der gegenwärtigen Vertreibung da zu sein und gleichzeitig mit dem Glauben an Gott und „einer positiven Ausstrahlung den deutschen Bürgern Mut zu machen, ohne den sich keine Krise lösen lässt“.

Ob mit einer „positiven Ausstrahlung" allein das Problem schon bewältigt werden kann oder ob dazu nicht ebenso eine gesteuerte Zuwanderung, die auch die Interessen des Aufnahmestaates und seiner Bürger, die um ihre Identität bangen, gehört - das ist momentan die große Frage. Darüber sollte ohne Denkverbote debattiert werden können.

Nicht jeder Demonstrant gegen die Berliner Asylpolitik ist ein (Neo-)Nazi. Historische Parallelen zu solchen Ausgrenzungen würden nicht gesehen, bedauerte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" in einem „Zwischenruf". Zu konstatieren sei ein neues völkisches Prinzip, das nicht auf Stammes-, sondern auf „Gesinnungszugehörigkeit" fuße. An diesem Befund ist etwas dran.

Dieser Kommentar von Gernot Facius erschien in der Sudetenpost Folge

11 vom 5. November 2015.

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Guido Masanetz mit 101 Jahren verstorben

Der 1914 in Friedeck geborene Guido Masanetz ist am 5.11.2015 im Alter von 101 Jahren in Berlin verstorben. Seine Ausbildung erhielt er in Mähr. Schönberg und Pilsen. Als Kapellmeister und Komponist war er u.a. in Brünn (1939) tätig. Nach der Vertreibung war er in der 'DDR' u.a. als Leiter des Volkskunstensembles tätig.  Er komponierte zahlreiche Operetten ('Barbara' / 'In Frisco is der Teufel los') und Filmmusiken. Ausgezeichnet mit dem 'Kunst- u. Nationalpreis der DDR'.                                                                                                                                                                FHS

 

 

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