Tag der offenen Tür in Geiß-Nidda

Es war ein Tag mit einem anspruchsvollen Thema beispielhafter Erwachsenenbildung, so charakterisierte ein angereister Besucher des Tags der offenen Tür die Veranstaltung im Haus Königstein in Geiß-Nidda, zu der das Institut von Kirchengeschichte für Böhmen-Mähren-Schlesien eingeladen hatte.

Dr. Helmut Gehrmann, ein in der Schweiz tätiger katholischer Pfarrer, berichtete im vollbesetzten Haus Königstein über nationale Mythen und ihre Auswirkungen auf das Glaubensleben am Beispiel Tschechiens und die Hintergründe der Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg.

Was unter politischem Mythos zu verstehen ist,  erklärte Dr. Gehrmann am religiösen Mythos von Adam und Eva: Der Sündenfall führt zur Vertreibung aus dem Paradies und erst die Erlösung durch das Sterben von Jesu am Kreuz führt zum Heil. Der politische Mythos hat die gleiche Bedeutung. Der Bürger wird davon überzeugt, dass erst wieder paradiesische Zustände und Frieden im Land einkehren, wenn die Bösen vertrieben oder vernichtet sind. Das Böse darf, ja muss vernichtet werden, damit den Bürgern ein neues Leben ermöglicht werden kann. Der Referent zeigt an Beispielen, dass zwar in der Geschichte schon lange bewiesen ist, dass der Mythos nicht zum Erfolg führen kann, aber immer wieder verbreitet wird und dies auch bei den Tschechen der Fall war.

Für die Vertreibung der Deutschen aus dem Gebiet der Tschechoslowakei ergeben sich für Gehrmann zwei Thesen: Obwohl das Münchener Abkommen 1938 als internationales Abkommen unter Mitwirkung von England, Frankreich, Italien und dem Deutschen Reich geschlossen wurde und Prag zustimmte („Prager Abtretung“), wird tschechischerseits noch heute behauptet, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus Ursache für die Vertreibung der Deutschen aus dem Gebiet der Tschechoslowakischen Republik gewesen seien. Die deutsche Bevölkerung Böhmens und Mährens sei für den Anschluss an das nationalsozialistische Deutschland Hitlers „fünfte Kolonne“ gewesen und hätte daher das Bleiberecht im tschechoslowakischen Staat verwirkt.

Die andere These, die von sudetendeutscher Seite vertreten wird, besagt, dass die Ursache der Vertreibung ein altes Desiderat des tschechischen Nationalismus gewesen sei. Die tschechische Politik habe daher seit jeher in der Praxis als Mittel dazu die Zwangsassimilierung oder die Vertreibung ins Auge gefasst. Gehrmann stellt nicht in Frage, dass die Grausamkeit der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft und die durch sie verursachte totale Niederlage des Deutschen Reiches die Vertreibung überhaupt erst möglich gemacht hat.

Er stellt aber mythische Elemente und politische Ansätze des tschechischen Nationalismus dar, die aus ihrer inneren Anlage heraus dazu drängten, eine radikale Lösung für die Regelung des Zusammenlebens der Tschechen mit den Deutschen in Böhmen und Mähren durchzusetzen. Ohne die mythische Überhöhung der tschechischen Geschichte und den Gedanken des Auserwähltseins ist die Vertreibung der Deutschen trotz nationalsozialistischer Verbrechen nur schwer zu denken.

70 Jahre nach der Vertreibung muss das klar gesagt werden, denn im tschechischen Staatswappen heißt es zwar: Die Wahrheit siegt! Sie kann aber nur siegen, wenn sie laut verkündet wird. Dass dies Pfarrer Gehrmann tut, macht den Vortrag so wertvoll. Ausführlich legt Pfarrer Gehrmann die Verknüpfung des nationalen tschechischen Mythos mit der Religion in seiner Dissertation dar, die mit dem Titel Tschechischer nationaler Mythos als politische Religion und Rückwirkung auf das Glaubensleben in den Böhmischen Ländern 1848-1948 vom Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien e.V. herausgegeben wurde. 

Angelika Steinhauer


Archiv für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien - Neue Folge XVII

Helmut Gehrmann. Tschechischer nationaler Mythos als politische Religion und Rückwirkung auf das Glaubensleben in den böhmischen Ländern 1848-1948, 528 Seiten, EUR 29,80 plus Versandspesen

Bestelladresse:

Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien e.V., Haus Königstein, Zum Sportfeld 14, D-63667 Geiß-Nidda. Fon: 06043-9885224, Fax: 06043-9885226

e-mail: haus-koenigstein.nidda@t-online.de        www.institut-kirchengeschichte-haus-koenigstein.de

 

 

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