Böhmen, Syrien und die „Migration“

von Gernot Facius

Es gibt unter deutschen Politikern und Pu­blizisten eine neue politische Erzählung, und die geht vereinfacht so: Warum denn Bauch­schmerzen haben wegen der nach Deutsch­land strömenden Menschen aus Afrika, aus dem Nahen und Mittleren Osten, wo doch vor siebzig Jahren etwa 15 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge in dem von den Weltkrieg-II-­Siegern besetzten Land aufgenommen wor­den sind.

Es ist ja richtig: Wer Flucht und Ver­treibung, vielleicht auch noch Internierung, am eigenen Leib erlebt hat, wer selbst im zugigen Güterwaggon hin- und hergescho­ben wurde oder auf dem Leiterwagen mühse­lig den Westen erreichte, wird mit den armen Teufeln fühlen, die jetzt zu uns kommen oder verdurstet oder elendig an den Küsten der europäischen Urlaubshochburgen ertrinken.

Doch hüte man sich vor falschen Gleichset­zungen! Zumindest das Gros der Medien ist nicht davor gefeit, alles über einen Leisten zu schlagen. Zum Beispiel die Hamburger Wo­chenzeitung „Die Zeit". Das Leitmedium links­liberaler Bürgerlichkeit, herausgegeben unter anderem von Altkanzler Helmut Schmidt, ti­telte am 29. Jänner: „Böhmen, Pommern, Syrien". Und in der Unterzeile stand die War­nung: Wer heute gegen Einwanderung auf die Straße gehe, verdränge die „eigene Mi­grationsgeschichte". Und dann weiter: „In der Nachkriegszeit hat das Land Millionen Ver­triebene aus dem Osten aufgenommen - und von ihnen profitiert."

Letzteres stimmt. Die Habenichtse brach­ten wichtige Qualifikationen mit, gerade die Jungen waren hoch motiviert. Ob das für die Mehrheit der Zuflucht Suchenden von heute zutrifft, muß erst noch bewiesen werden. Wieder einmal muß daran erinnert werden, daß falsche Sprachbilder falsche Vorstellun­gen hervorrufen: Ost- und Sudetendeutsche Deutsche mit „Migrationshintergrund"? Aus­länder? Unglaublich! Beklagt wird in dem „Zeit"-Artikel eine „erschütternde Vergeßlich­keit".

Leicht hätten es die Zuflucht Suchenden auch damals nicht gehabt, dennoch sei ihre Integration auf lange Sicht gelungen, „und über die Jahre haben die Entwurzelten aus dem Osten Deutschland zu einem anderen Land gemacht. Die Bundesrepublik, wie wir sie heute kennen, ist ohne sie nicht zu den­ken. Daran zu erinnern könnte Ängste und Befürchtungen nehmen, ja Empathie für Men­schen wecken, die heute ihre Heimat verlie­ren".

An dem Ruf nach Empathie ist schwer­lich etwas auszusetzen, Menschenrechte sind unteilbar. Nur: Was für ein (Zerr-)Bild von Deutschland hat der Verfasser, wenn er schreibt, angesichts „brennender Flüchtlings­heime und der Aufmärsche selbsternannter Wächter des Abendlandes" scheine es sie­ben Jahrzehnte nach Kriegsende geradezu zwingend, den Blick zurückzurichten.

Da werden Einzelerscheinungen aus den 1990er Jahren bewußt verallgemeinert, Überfrem­dungsängste kleingeredet und Fehler in der Einwanderungspolitik heruntergespielt.

Der „Protest- oder Wutbürger", auf den Kossert anspielt, ist eine neue Erscheinung. Aber die Reaktion auf dieses Phänomen, mußte selbst die liberale „Süddeutsche" erkennen, war bis jetzt überall ähnlich: erst ignorieren, dann dämonisieren. „Was den Umgang mit musli­mischen Einwanderern betrifft, gibt es viel guten Willen, aber auch Blauäugigkeit. Deut­sche Vertriebene haben selbst in Zeiten ärg­ster Not keine Parallelgesellschaften gebil­det, wie das unter Muslimen leider der Fall ist.

In der aktuellen Diskussion wirbeln die Begriffe Einwanderer, Flüchtlinge, Vertriebe­ne und Asylsuchende wild durcheinander. Die Leidensgeschichte der Vertriebenen un­ter dem Stichwort Migration, allenfalls noch Zwangsmigration abzuhandeln, kommt einer Verharmlosung dieses völkerrechtswidrigen Vorgangs gleich. Eigentlich müßte man sich darüber nicht mehr groß aufregen, geht doch seit langem vielen Publizisten die Fähigkeit zum Differenzieren ab.

Im konkreten Fall ist Empörung allerdings angebracht. Der „Zeit"­-Autor ist kein Geringerer als der bei der Ber­liner Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Ver­söhnung" angestellte Historiker Andreas Kos­sert. Der Wissenschaftler, Jahrgang 1970, hat sich einst mit seinem Buch „Kalte Heimat" (2008 bei Siedler erschienen) als sachkundi­ger, einfühlsamer Chronist des schwierigen Neuanfangs der Ost- und Sudetendeutschen im „Wirtschaftswunderland" ausgewiesen.

Nun deutet Kossert die Vertreibung politisch korrekt - einseitig als „Konsequenz der bar­barischen deutschen Besatzungsherrschaft" während des Zweiten Weltkriegs: „Aus Ost­preußen, Pommern, Schlesien, Böhmen, aus der Zips, aus Reval, aus Siebenbürgen, aus der Dobrudscha machten sie (die Deutschen) sich auf den Weg nach Westen. Es kamen Deutsche zu Deutschen."

Das klingt nach der Vokabel „erzwungene Wanderschaft", die Ri­chard von Weizsäcker in seiner nicht unum­strittenen Bundestagsrede am 8. Mai 1985 bemühte. Daß die meisten Vertriebenen aus Gegenden kamen, die zum damaligen deut­schen Reichsgebiet gehörten oder zumindest deutsch besiedelt waren, geht dabei unter.

Diese Menschen haben nicht einfach ihre Heimat verlassen, um anderswo ihr Glück zu suchen, sie wurden vielmehr auf brutale Weise systematisch verjagt oder mußten in den Westen ihres Landes fliehen. „Kossert schreibt darüber", meldete sich eine Stimme im Internet, „als wären die Vertriebenen eben­so aus Afrika oder Nahost in ein völlig neues Land geflohen."

Es ist nicht zu übersehen: Das Miß­trauen gegen die Bundesstiftung „Flucht, Ver­treibung, Versöhnung", die Ende des Jah­res 2014 ihren Gründungsdirektor, Profes­sor Manfred Kittel, zur Demission zwang, wächst.

Daß historische Vergleiche danebengehen können, das ist wahrlich keine neue Erfah­rung; es hat sich deswegen schon mancher Politiker eine kräftige Watsch'n gefangen. Schon vergessen, wie sich im Frühjahr 2008 der damalige Vorsitzende der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, Georg Schmid, bla­mierte?

Schmid hatte auf offiziellem Frakti­onspapier eine eigenwillige Interpretation von Ausländer-Integration abgeliefert: „Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es zum Beispiel im Frei­staat gelungen, daß Vertriebene zu selbstbe­wußten Bayern mit sudetendeutschen Wur­zeln wurden. Warum soll das im 21. Jahrhun­dert nicht mit den Türken möglich sein?"

Na­türlich ist das, im Einzelfall zumindest, nicht ausgeschlossen. Aber die Sudetendeutschen sind nun mal ebenso wenig wie die Nieder-­ und Oberschlesier, Ost- und Westpreußen, Hinterpommern und Ostbrandenburger keine „Migranten" oder ausländische „Zuwanderer". Schmid löste mit seiner unüberlegten Wort­meldung landesweit Empörung aus.

Der CSU-Generalsekretär berichtete von „massenhaften Protesten", er empfahl dem Gerüttelten, „sich einer Geschichtsstunde zu unterziehen". Die Sudetendeutschen kritisier­ten zu Recht im wesentlichen zwei Aspekte: Daß sie im Gegensatz zu den Türken aus ihrer Heimat in Böhmen, Mähren und Öster­reichisch-Schlesien vertrieben wurden und nicht freiwillig kamen.

Und daß die Sudeten­deutschen - ebenso anders als die Türken - Deutsche und Christen waren und sind, be­reit und fähig zur Integration. Die Proteste zeigten Wirkung. Der CSU-Politiker gab sich zerknirscht, er entschuldigte sich und die peinliche Passage verschwand von der Inter­netseite der Fraktion. Abgehakt. Schwamm darüber.

Heute muß man sich andere Sorgen ma­chen: Wie wird die Bundesstiftung mit der Vertreibung der Deutschen, die nach Kossert „ein wichtiges Kapitel jener großen europäi­schen Erzählung von Zwangsmigration bildet, die mit den ethnischen Säuberungen' nach dem Ersten Weltkrieg begann und 1945 ih­ren Höhepunkt erreichte" konkret umgehen? Skepsis ist angebracht.

Dieser Kommentar von Gernot Facius erschien in der Sudetenpost Folge 2 vom 12. Feber 2015. Sie können die Sudetenpost – die monatlich erscheint – im Inland um € 32,-- , in Deutschland und im EU-Raum um € 38,-- und in Übersee um € 60,-- beziehen. http://www.sudetenpost.eu/, Abo bei office@sudeten.at bestellen.

 

Wir besuchen das Bezirksmuseum Simmering, 1110 Wien, Enkplatz 2.

Treffpunkt: 6.März 2015 um 14:30 Uhr

U3 Station: Enkplatz, Aufgang: Enkplatz (Außerhalb der Station)

Ausstellung: "Zeitenwende - 1914/1934/1954/1994".

Die Ausstellung beleuchtet diese Wendejahre der Geschichte. In die Präsentation integriert sind die Ausstellung "Sudetenland im Überblick", Teile der Ausstellung "Straßenbahner im Februar 1934" sowie eine Dokumentation über das Barackenlager Simmering - erste Heimstätte der Donauschwaben.

Um Anmeldung wird höflichst gebeten:

Bei Dieter Kutschera, Telefonnummer : 0676 501 92 25

E-Mail: d.kutschera@aon.at

Oder bei Michael Rottensteiner

E-Mail: michael.rottensteiner@aon.at

 

 

 

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