(Un)vollendete Tatsachen

Von Manfred Maurer

ES IST NATÜRLICH unbestritten ein historisches Ereignis, wenn sich ein tschechischer Vizeministerpräsident ins Sudetendeutsche Haus nach München bemüht, um dort zum Gedenken an die Opfer der Vertreibung einen Kranz nie­derzulegen. Der Christdemokrat Pavel Bélobrádek hatte schon zu Pfingsten mit einer Video-Grußbotschaft an den Sudetendeutschen Tag in Augsburg, in der er die Teilnehmer des Pfingst­treffens als „Landsleute" ansprach, für eine viel beachtete Geste gesorgt. Bernd Posselt hat die Gelegenheit beim Schopf gepackt - und Pavel Bélobrádek gleich ins Sudetendeutsche Haus eingeladen.

BEI ALLER KRITIK an Posselt - ein gewisses Geschick in Sachen politi­sches Marketing ist ihm nicht abzuspre­chen. Denn die versöhnliche Geste, die der tschechische Spitzenrepräsentant noch dazu in der Zentrale der Lands­mannschaft gesetzt hat, ist eine per­fekte Ergänzung für Posselts Strategie, in der Landsmannschaft über die Köpfe gar nicht so weniger Andersdenkender hinweg vollendete Tatsachen zu schaf­fen. Jetzt kann er sagen: Schaut her, das alles habe ich durch meinen Kurs möglich gemacht!

DA POLITIK SICH gerade im histori­schen Kontext sehr gern und oft auf Symbolik reduziert, mag Posselt der Beifall vieler sicher sein. Horst Seehofer wird sich bestätigt fühlen. Angela Mer­kel wird höchst zufrieden sein. Die vor­sichtige Distanzierung, die der tsche­chische Premier Sobotka der Geste sei­nes Stellvertreters auf den Fuß folgen ließ, wird wohl gnädig ausgeblendet.

UND SOMIT DARF sich Posselt auch - Hoffnung machen, daß die Landsmann­schaft im Rahmen des von den Außen­ministern Lubomir Zaorálek und Frank­-Walter Steinmeier vor kurzem verein­barten „strategischen Dialoges" zwi­schen Deutschland und Tschechien eine Nebenrolle spielen wird dürfen. Die Zeiten, da die Landsmannschaft in Prag als rotes Tuch betrachtet worden ist, sind vorbei. Nur die Kommunisten blei­ben sich treu und pflegen das Feindbild unverdrossen weiter.

NIEMAND WIRD POSSELT abspre­chen, ganz entscheidend zu dieser Ent­wicklung beigetragen zu haben. Die nach wie vor nicht rechtsgültige, aber politisch längst vermarktete Satzungs­änderung bildet ein zentrales Element dieser Strategie. Sie soll eine Art von Versöhnung vorantreiben, die auf ober­flächlicher Symbolik beruht. Mit wahr­scheinlich noch vielen Gesten des Be­dauerns gegenüber den Opfern der Ver­treibung wird auch immer mehr Tsche­chen klar, daß dies ein wunderbarer Weg ist, um viel steinigere Umwege zur Versöhnung zu vermeiden. Hier ein Denkmal, dort eine Betroffenheitsgeste - und schon stehen alle, die sich etwas mehr wünschen, als nervige Störenfrie­de, da.

WER WIRD SICH noch interessieren für Rechtspositionen, die früher das Motto vieler Sudetendeutscher Tage bestimmt haben: „Recht bleibt Recht - trotz Vertreibung!" (Stuttgart 1985), „50 Jahre Vertreibung - Unrecht ver­jährt nicht!" (München 1995), „Wahrheit und Recht - Fundament für Europa!" (Nürnberg 1998), „Vertreibung überwin­den - Ausgleich schaffen" (Augsburg 2005)? Wenn selbst die Führung der Sudetendeutschen Landsmannschaft diese Positionen entweder gar nicht mehr vertreten oder sie wie eine Obszö­nität in schwammigen Formulierungen verstecken will, wird sich auch kein Po­litiker mehr bemüßigt fühlen, gegenüber Prag die Rechte von Vertriebenen einzu­fordern. Dankbar werden sie die Gele­genheit nützen, dieses einst so sperrige Thema in einen dicken Wattebausch aus wohlklingenden Reden und symbolischen Gesten zu verpacken. Hier ein Denkmal, dort ein Kränzchen, hier eine salbungsvol­le Worthülse, dort ein Versöhnungsver­dienstorden - die Jünger des politischen Symbolismus sind ja an Einfallsreichtum kaum zu übertreffen.

NICHT ALLE VERTRIEBENEN wollen sich aber so abspeisen und Tschechien dermaßen billig aus der historischen Ver­antwortung lassen. Nicht alle Vertriebenen wollen das Recht auf dem Altar einer scheinheiligen Versöhnung opfern. Nicht alle Vertriebenen wollen die geschaffenen Tatsachen als vollendet hinnehmen. Ihnen allen muß aber bewußt sein, daß sie einer mächtigen Phalanx aus Politik, Medien und Zeitgeist gegenüberstehen. Und Leu­ten, die die Klaviatur des politischen Mar­ketings bestens beherrschen.

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 8 vom 6. August 2015. Sie können die Sudetenpost – die monatlich erscheint – im Inland um € 32,-- , in Deutschland und im  EU-Raum um € 38,-- und in Übersee um € 60,-- beziehen.

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