Die Unvollendete

von Manfred Maurer

AM 17. NOVEMBER 1989 nützten tschechische Studenten eine behördlich genehmigte Kundgebung in Prag anläßlich des 50. Jahrestages der Schließung tschechischer Hochschulen durch das NS-Besatzungsregime zu einer Demonstration gegen das kommunistische Regime. Die Staatspolizei griff mit brutaler Gewalt durch, 600 Personen wurden verletzt. Bereits einen Tag später gingen die Studenten neuerlich auf die Straße und riefen zu einem unbefristeten Streik auf. Das Ende des kommunistischen Regimes war unausweichlich, der Bürgerrechtler Václav Havel Ende Dezember neuer Staatspräsident.

DIE SUDETENDEUTSCHEN hatten die dramatischen Tage mit besonderer Anteilnahme verfolgt. Es ging schließlich nicht um irgendein Land, es ging um ihre Heimat. Umso mehr teilten sie die Freude mit den Tschechen, als auch diese auf den Zug in die Freiheit sprangen und das Ziel erreichten. In die Freude mischte sich zugleich die Hoffnung, daß mit dem kommunistischen Regime auch die über Jahrzehnte gepflegten Ressentiments gegenüber den Vertriebenen verschwinden würden.

AM 22. DEZEMBER 1989 kommentierte Franz Neubauer, damaliger Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL), die Veränderungen in der Tschechoslowakei mit der Überzeugung,  daß nunmehr „Lösungen in den Bereich des Möglichen rücken, die bisher noch vielfach als undenkbar galten" und die Vorgänge „Antworten auf Fragen verlangen, die sich bisher nicht stellten, die aber bei der Veränderung der politischen Landschaft in der Tschechoslowakei ganz schnell akut und aktuell werden können."

In einer Stellungnahme der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich (SLÖ) schwang Realismus mit: Ein „wirklicher Neuanfang sei an das Bekenntnis zur historischen Wahrheit und das Eingeständnis des an uns (an den Sudetendeutschen, Anm) begangenen Unrechts gekoppelt“.

WAS IST 25 JAHRE danach aus diesen Hoffnungen geworden? Gleich vorweg: Viele Hoffnungen haben sich durchaus erfüllt. Vieles vor 1989 Undenkbare ist inzwischen nicht nur möglich, sondern zum gar nicht mehr als außergewöhnlich wahrgenommenen Alltag geworden. Die Sudetendeutschen haben sehr intensive Kontakte in die alte Heimat entwickelt und wurden in den meisten Fällen mit offenen Armen empfangen (wobei deren Kaufkraft die Gastfreundschaft wohl zusätzlich beflügelt hat).

Viele Kulturdenkmäler konnten mit sudetendeutscher Hilfe restauriert, in Prag ein nur anfangs mißtrauisch beäugtes Sudetendeutsches Kontaktbüro eröffnet werden. Seit einiger Zeit reisen sogar bayerische Regierungsvertreter wie selbstverständlich nach Prag - begleitet von führenden sudetendeutschen Vertretern. In Tschechien wird die Vertreibung bisweilen intensiv diskutiert, was das Verdienst von Vereinen wie „Antikomplex" ist. Und mittlerweile räumen auch führende Politiker ein, daß die Vertreibung verbrecherisches Unrecht war.

DA IST ALSO UNBESTREITBAR eine Menge passiert in den vergangenen 25 Jahren, hat sich einiges in die richtige Richtung entwickelt.

DENNOCH WURDE das Geschichtsbild nicht grundlegend revidiert: Bis zum heutigen Tage hält das offizielle Tschechien im Zusammenhang mit der Vertreibung an der Opferthese fest und interpretiert den „Odsun" als Folge der nationalsozialistischen Gewaltpolitik.

DIE DAMALIGEN RACHEAKTE werden zwar heute als überschießend, im Prinzip aber als gerechtfertigt bewertet. Einen maßgeblichen Anteil am Festhalten an diesem Geschichtsbild haben die Regie­rungen in Deutschland und Österreich, deren Vertreter bei jeder Gelegenheit die Richtigkeit dieser Sichtweise bestätigen, auch wenn diese eben nur die halbe Wahrheit ist.

UND WIE SCHAUT ES AUS mit den „Lösungen“, die Franz Neubauer 1989 in den Bereich des Möglichen rücken sah? Diese Bilanz ist alles andere als ruhmvoll, sondern eine Ansammlung von Versäumnissen und vertanen Chancen. Die heurigen Jubiläumsfeierlichkeiten hätten sich durchaus angeboten für einen Befreiungs­schlag. Immerhin kann die „Samtene Revolution" nicht ohne den deutschen Kontext gesehen werden.

Das Prager KP-Regime geriet erst ins Wanken, nachdem die Ostdeutschen über Ungarn in den Westen geflüchtet, die deutsche Botschaft an der Moldau besetzt und die Berliner Mauer zum Einsturz gebracht hatten. Im Bewußtsein um diese Stationen auf dem Weg in die tschechoslowakische Freiheit hätte sich eine großzügige Geste an die Deutschen aufgedrängt, welche die Bezeichnung Lösung verdient.

Alle bisherigen „Lösungen" bestehen im wesentlichen aus einem pragmatischeren und freundlicheren Umgang miteinander, bei dem die tschechische Seite darauf setzt, daß dadurch der Druck zu formalen Lösungen abnimmt. Die Rechnung ist bisher insofern aufgegangen, als die Forderung nach einer Aufhebung der die Deutschen betreffenden Beneš-Dekrete und einer Wiederherstellung des Rechtsstatus quo ante oder zumindest nach einer materiellen Entschädigung in den vergangenen fünfundzwanzig Jahren nie ein großes Thema geworden ist. Die (in Geduld geübten) Sudetendeutschen haben sich auch 1989 einmal mehr vertrösten lassen (auf die Zeit nach dem EU-Beitritt der Tschechen und Slowaken) und mußten erkennen, daß sie nur einmal mehr leeren Versprechungen auf den Leim gegangen sind.

25 JAHRE DANACH werden die, die echte „Lösungen" für möglich halten wollen, nicht selten als Störenfriede verunglimpft, die mit ihren Forderungen das - zugegeben deutlich verbesserte - Klima zu vergiften drohen. Solange aber der Ruf nach Recht und Gerechtigkeit nicht als logische Konsequenz der 1989 errungenen Freiheit verstanden, sondern als Ausdruck lästigen Querulantentums herabgewürdigt wird, bleibt die „Samtene Revolution" eine unvollendete.

Dieser Kommentar von Manfred Maurer  erschien in der Sudetenpost Folge 12 vom 11. Dezember 2014.

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