Noch ein Gedenkjahr

von Manfred Maurer

NACH DEM GEDENKJAHR ist vor dem Gedenkjahr. 2014 stand im Zeichen des Erinnerns an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jah­ren. Jetzt hat gerade das nächste Gedenkjahr begonnen. Die Auseinan­dersetzung mit den zahlreichen heuer anstehenden Jahrestagen rund um das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 70 Jahren wird zwar wohl nicht in der Intensität des 1914er-Gedenkens statt­finden, da es sich nicht um einen run­den Hunderter handelt, dennoch wird auch 2015 ein Gedenkjahr sein.

Denn es besteht nicht nur ein großer Bedarf nach Auseinandersetzung mit dem Untergang des nationalsozialistischen Verbrechertums, sondern auch ein gro­ßes Interesse daran, Deutschland und Österreich bei jeder sich bietenden Ge­legenheit zum Blick in den braunen Spiegel zu veranlassen.

Dieses Interesse ist nicht nur mit einem verständlichen Bedürfnis nach einem möglichst nachhaltigen Wirken der „Nie-wieder!" - Parole zu erklären. Es gibt eine Menge grauenvoller Dinge in der Geschichte, die man der Menschheit niemals wieder zumuten möchte. Doch wer setzt sich in ähnlich konsequenter Weise mit dem Stalinismus auseinander - weder in der ehemaligen Sowjetunion noch sonstwo geschieht dies.

In Rußland wird ja in gewissen Kreisen sogar die Verklärung Stalins mehr denn je propagiert, ohne daß der ansonsten nicht zimperliche Staat dagegen einschritte. Vielleicht er­klärt das ja, warum links- wie rechtsextreme Parteien in Europa dermaßen auf Wladimir Putin abfahren und die Zuneigung durchaus auf Gegenseitigkeit beruht: Man ist sich seiner gemeinsamen Wurzeln im faschistoiden Denken bewußt. Hitler und Stalin konnten ja auch ganz gut miteinander, bis der eine den anderen austrickste.

Aber die Mit­verantwortung Stalins als anfänglicher Komplize des Weltverbrechers Hitler wird auch in diesem Gedenkjahr wieder keine allzu große Rolle spielen: Die Sie­ger des Jahres 1945 haben kein In­teresse an einer derart differenzierten Sicht der Dinge, und die Verlierer von 1945 sind froh, wenn sie bei den Ge­denkfeiern 70 Jahre danach als in­zwischen weitgehend Gleichberechtigte eingeladen sind. Die Asche aufs Haupt streuen sie eh in einem lange eingeübten Ritual, das keiner Anleitungen bedarf.

UMSO SPANNENDER wird es sein, ob in diesem Gedenken, bei dem es ja um das Ende eines schrecklichen Krie­ges und die Folgen für Millionen Menschen geht, ob also in diesem Gedenk­-Konvolut auch Platz sein wird für die vielen Millionen Deutschen, die am bitteren Ende die Zeche zahlen mußten, nachdem sich Hitler der irdischen Gerechtig­keit entzogen hatte. Wird da auch Platz sein für die vielen Millionen Unschul­digen, die ermordet oder vertrieben, gemartert und/oder enteignet wurden?

Wird man all derer gedenken, die allein schon aufgrund ihres Kindesalters nur Opfer sein und für nichts schuldig oder verantwortlich sein konnten? Wird man all derer gedenken, die mit ihrem Leben bezahlen mußten, weil sie vor 1945 ein­fach versucht hatten, unter den schwie­rigen Bedingungen einer Diktatur nur irgendwie - vielleicht auch opportuni­stisch - zu überleben? Oder wird man allen Opfern der Nachkriegsverbrechen in Ost- und Südosteuropa einfach die kaltschnäuzige Pseudo-Gedenkformel unter die Nase reiben, der zufolge ja alles nur eine Folge der nationalsoziali­stischen Verbrechen gewesen ist?

NEIN, NEIN, wird man zu ihnen sagen, Kollektivschuld darf es keine ge­ben, aber zugleich drückt man den Opfern mit der allgemein anerkannten These der zwar aus heutiger Sicht abzu­lehnenden, aus damaliger Sicht aber ver­ständlichen Rache ein kollektives Kains­mal auf die Stirn.

Auch das unwürdige Theater um die Demontage des Direktors der Berliner Vertriebenen-Stiftung, Man­fred Kittel, ist in diesem Sinne zu interpre­tieren.

DIE SUDETENDEUTSCHEN, die Karpatendeutschen, Banater, Donauschwaben, Siebenbürger Sachsen und wie sie alle heißen, haben halt das Pech gehabt, Deutsche zu sein. Also brauchen sie auch keine Wiedergutmachung zu fordern. Und sie tun es ja auch gar nicht mehr, zumin­dest nicht die führenden Funktionäre der Vertriebenen.

im 21. Jahrhundert kann es nicht mehr um die Frage von materiellen Entschädigungen gehen", sagte Bernd Fa­britius in seinem allerersten Interview als neuer BdV-Vorsitzender. So ein braver Bernd wird sich vieler Schulterklopfer er­freuen.

So einer stört nicht das Geden­ken mit nervigen Forderungen nach Re­stitution und Wiedergutmachung. Zwar geht es auch 21. Jahrhundert nach wie vor um materielle Vergangenheitsbewälti­gung, wofür nicht nur der Fall Gurlitt ein aktuelles Beispiel ist, sondern auch Ser­bien, wo gerade eine großangelegte Wie­dergutmachungsaktion auch für vertriebe­ne Deutsche läuft, aber in den meisten Fällen wird den deutschen Opfern nahe­gelegt, sich endlich in ihr Schicksal zu fügen und nicht zuviel zurück, sondern brav in die Zukunft zu schauen. Für ein an­spruchsvolles und würdiges Gedenken reicht das freilich nicht.

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 1 vom 15. Jänner 2015.

Sie können die Sudetenpost – die monatlich erscheint – im Inland um € 32,-- , in Deutschland und im

EU-Raum um € 38,-- und in Übersee um € 60,-- beziehen.  http://www.sudetenpost.eu/ 

Abo bei office@sudeten.at bestellen.

Bereich

Neuen Kommentar hinzufügen

Filtered HTML

  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.
  • Erlaubte HTML-Tags: <a href hreflang> <em> <strong> <cite> <blockquote cite> <code> <ul type> <ol start type> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer