Wien, am 16.Feber 2016

Rauft Euch zusammen!

von Manfred Maurer

WENN ZWEI SICH streiten, gibt es immer einen Dritten, der sich freut. Im Streit um die Änderung der Satzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft gibt es gleich mehrere Dritte, die sich diebisch darüber freuen, daß die Vertriebenen seit einem Jahr in erster Linie mit sich selbst beschäftigt sind. Da ist zum einen die tschechische Regierung, welche die Landsmannschaft immer weniger als unbequemen Faktor wahrnehmen muß, der die Finger auf die keinesfalls verheilten Wunden der Vergangenheit legt.

Die deutsche Bundesregierung kann die sudetendeutsche Agenda ebenfalls getrost von den Tagesordnungen bilateraler Besuche verbannen. Die bayerische Staatsregierung wiederum kann ihre Abweichung vom vertriebenenpolitischen Kurs früherer Ministerpräsidenten gegenüber Prag unbeirrt fortsetzen, solange sich die Sudetendeutschen auf die Nabelschau fixieren. Und auch die österreichische Bundesregierung wird keine Extra-Ambitionen entwickeln, nicht klar definierten Interessen eines zerstrittenen Haufens in ihrer Außenpolitik eine hohe Priorität einzuräumen.

DAS URTEIL DES Münchener Landgerichtes war offenbar nicht klar genug, als daß dieser Streit nun als entschieden betrachtet werden könnte. Das salomonische Bemühen des Richters kann auch als Ausdruck der Weigerung der Justiz verstanden werden, der Politik die Mühsal der Entscheidung abzunehmen. Dieses Urteil trägt den Keim weiterer Auseinandersetzungen in sich.

WAS VIELE ALS schmerzhaft empfinden mögen, könnte, sollte, müßte aber vor allem als Auftrag an die Streitparteien verstanden werden, sich endlich auf einer Ebene zusammenzuraufen, auf der es eben keinen Richter mehr braucht. Das wird natürlich nicht funktionieren, wenn eine Seite sich nur die Rosinen aus dem Urteil herauspickt und so tut, als enthielte dieses gar keine für sie schwer verdaulichen Ingredienzien.

Wer dieses Urteil nur durch die rosa Brille betrachtet, riskiert einen getrübten Blick für die Realität. Und eine Realität ist es eben, daß politische Stärke vor allem aus Einigkeit entsteht. Gerade die auch in einer Partei engagierten Funktionäre wissen doch aus ihrer Erfahrung des (partei)politischen Alltages, daß man am meisten erreicht, wenn man geschlossen auftritt.

Das gilt auch und gerade für einen Verein, der sich im Wettlauf um die Aufmerksamkeit von Regierenden und Medien ohnehin immer schwerer tut, weil die Konkurrenz durch andere, tatsächlich oder auch nur scheinbar aktuellere Themen immer größer wird. Eine grundlegende Kursänderung, die bloß mit Mehrheit durchgeboxt worden ist, hat natürlich nicht das Gewicht einer Satzung, hinter der alle stehen, weil sie damit leben können. Es ist doch absehbar, daß sich jener Teil, der unterlegen ist und seine Anliegen nicht mehr in der Satzung wiederfindet, von der Landsmannschaft abwenden wird - sei es durch Austritt oder auch nur durch innere Emigration.

KANN SICH DIE Landsmannschaft so einen Aderlaß leisten? Wer die Realität verweigert, wird vielleicht sagen: Ja, natürlich, ohne die Störenfriede werden wir die Interessen der Vertriebenen sogar noch viel effizienter vertreten können. Wer aber die Realität zur Kenntnis nimmt, kann in einer Spaltung der Landsmannschaft nur den endgültigen Absturz der Sudetendeutschen in die politische Bedeutungslosigkeit sehen.

SIND DENN DIE GRÄBEN in München wirklich so unüberbrückbar, wie es der soeben ausgetragene Rechtsstreit vermuten läßt? Die Emotionen der Beteiligten könnten in der Tat zu der Ansicht verleiten, daß da nichts mehr zu machen ist. Ein Blick auf die Fakten aber läßt ein gar nicht so kleines Kompromißpotential erkennen. Sogar aus dem von der SL-Spitze geschmähten Witikobund kamen durchaus versöhnliche Signale. Sie müßten nur gehört werden.

Zum Beispiel dieses schon im vergangenen November im „Witikobrief" abgegebene: „Vernünftig wäre in dieser Lage, eine Sondersitzung der jetzigen Bundesversammlung einzuberufen und einen Kompromiß zu suchen. Die mißverständliche Formel von der ‚Wiedergewinnung` der Heimat könnte anders umschrieben werden, und im restlichen Text müßte an irgendeiner Stelle das Wort ,Sudetendeutsch`auftauchen. Die SL muß deutlichmachen, daß sie sich um sudetendeutsches Eigentum kümmert, nicht um ‚weltweit` geschehenes Unrecht."

DAS KONNTE doch eine Basis für eine Satzung sein, mit der alle leben können. Daher, auch wenn schon viel Porzellan zerschlagen worden ist: Rauft Euch doch endlich zusammen, damit am Ende nicht nur die Dritten was zu lachen haben!

 

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 2 vom 14.Feber 2016.

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