Vergeudetes Jahr

von Manfred Maurer

DAS ABGELAUFENE JAHR hatte sich angeboten für eine intensive Beschäftigung mit allen Fragen rund um die Vertreibung der Sudetendeutschen. Nicht nur, weil 70 Jahre danach wieder einmal ein rundes Datum zum Nachdenken eingeladen hätte. Europa wurde in diesem Jahr mit einer beispiellosen und wohl noch lange nicht abebbenden Völkerwanderung konfrontiert.

Auch wenn nicht alle, die zu uns kommen, Flüchtlinge beziehungsweise Vertriebene sind, so bietet dieses Drama doch auch Aspekte, die daran erinnern, daß sich Geschichte zwar nicht eins zu eins, aber doch in abgewandelter Form wiederholt: Menschen verursachen Zustände, die andere Menschen um ihre Heimat bringen. Manche werden unmittelbar vertrieben, andere fliehen, weil ihnen Tod oder Vertreibung drohen.

ES IST EINE IRONIE der Geschichte, daß ausgerechnet Deutschland und Österreich, denen als einstiger Achse des Bösen bis heute die vor 70 Jahren unterbundenen Verbrechen vorgehalten werden und die diese historischen Bürden noch immer nicht abgeworfen haben, daß ausgerechnet diese beiden Länder der bevorzugte Zufluchtsort der Unglücklichen dieser Welt geworden sind.

DERART AUSGEZEICHNET könnten Deutsche und Österreicher durchaus etwas selbstbewußter auftreten. Insbesondere die Vertriebenen hätten es eigentlich nicht nötig, nur aus der Defensive eines kollektiven Schuldgefühls zu agieren. In den 70 Jahren seit der Vertreibung haben sie hinlänglich bewiesen, daß sie keine ewiggestrigen Hinterwäldler, sondern weit vorausschauende Zeitgenossen sind, die - obwohl Opfer - keine siebzig Jahre brauchten, um die Hand zur Versöhnung auszustrecken. So erfreulich es ist, daß in Tschechien mittlerweile ebenfalls beeindruckende Versöhnungsinitiativen wie jene zum 70. Jahrestag des Brünner Todesmarsches gestartet werden, so betrüblich ist es, daß es dafür so lange gebraucht hat und daß viele das nicht mehr erleben durften.

WEIL MAN SICH ABER so darüber freut, daß sich auch die Tschechen mehr und mehr selbstkritisch mit den dunklen Kapiteln der Nachkriegsgeschichte auseinandersetzen, fühlen sich manche zu besonderer Zurückhaltung verpflichtet, um nur ja nicht das empfindliche Pflänzchen der Versöhnung zu zerstören. Dabei wird vergessen, daß die Verantwortung für die Pflege dieses Pflänzchens zu einem größeren Teil bei den Tschechen liegen sollte. Es käme ja auch kein Deutscher bzw. Österreicher auf die Idee, etwa vom Zentralrat der Juden bzw. von der israelitischen Kultusgemeinde einen rücksichtvolleren Umgang mit der Geschichte oder eine zurückhaltendere Interessensvertretung einzufordern, auf daß der Aussöhnungsprozeß nicht gestört werde.

DIE SUDETENDEUTSCHE LANDSMANNSCHAFT IN MÜNCHEN aber scheint wie viele Deutsche nach dem Krieg eine Sehnsucht nach dem Geliebtwerden entwickelt zu haben und verhält sich entsprechend. Es ist ja auch verständlich: Der zum Inbegriff des Bösen gewordene Deutsche will endlich aus dieser Nummer raus. Er will geliebt und nicht verachtet werden. Und verhält sich deshalb so, wie er glaubt, daß ihn die Welt dann mag. Die einen klatschen, wenn Menschenmassen die Grenze ignorieren, andere verzichten auf rechtmäßige Forderungen. Und so versuchte die SL-Spitze am letzten Februartag, die Verzichtpolitik zur offiziellen Linie der Landsmannschaft zu erheben. Diese (Sudeten-)Deutschen sind ja sowas von nett und überhaupt nicht nachtragend. Lassen sich ihr Eigentum rauben und sagen dann einfach: Macht ja nix, Ihr könnt das alles gern behalten, weil wir haben uns doch wieder alle lieb!

DIE SACHE MIT DER Satzungsänderung ist noch (lange) nicht ausgestanden: Offiziell gilt die Satzung in ihrer bisherigen Textur unverändert weiter. Doch führende Repräsentanten der Landsmannschaft lassen keinen Zweifel daran, daß sie nicht mehr nach dieser Satzung handeln wollen. Niemand kann derzeit sagen, was nun wirklich die Linie der Sudetendeutschen ist. Das abgelaufene Jahr hätte viele Gelegenheiten geboten, sich in die Diskussion um eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte einzubringen - so wie es etwa den Donauschwaben mit Serbien gelungen ist. Doch eine Landsmannschaft, die eigentlich keine von allen akzeptierte Arbeitsgrundlage hat, läuft Gefahr, von niemandem mehr ernstgenommen zu werden. Es sollte der Auftrag für das neue Jahr sein, diesen Zustand endlich abzustellen.

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 12 vom 10.Dezember 2015.

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