Sudetendeutscher Pressedienst (SdP) Österreich

Wien, am 10. September 2014

 

Verweigerte Abspeisung

von Manfred Maurer

DIE VON DER Sudetendeutschen Landsmannschaft in Oberösterreich mit der „Sudetenpost“ initiierte Umfrage über die Haltung der Vertriebenen (be­ziehungsweise deren Nachkommen) zur Eigentumsfrage hat voll eingeschla­gen. Obwohl diese Zeitung nur einen Bruchteil der Sudetendeutschen errei­chen kann, ist das Echo überwältigend. Und obwohl das Endergebnis noch nicht vorliegt, zeichnet sich bereits ab: Es ist eindeutig!

NUR EINE KLEINE Minderheit der Leser, die sich bisher an dieser (noch nicht abge- schlossenen) Umfrage betei­ligt haben, will definitiv auf ihr nach dem Krieg aufgrund der Beneš-Dekrete konfisziertes Eigentum verzichten. Na­türlich wäre es unredlich und unseriös, dieses Ergebnis einfach auf die Ge­samtheit der Sudetendeutschen hoch­zurechnen und zu behaupten, daß mehr als 90 Prozent der Vertriebenen auf Restitution bzw. Entschädigung be­stehen.

Man muß natürlich berücksichti­gen, daß sich wohl manche Personen auch deshalb nicht an der Befragung beteiligt haben, weil sie das Thema ent­weder gar nicht mehr interessiert und sie daher auch keine Forderungen er­heben wollen, oder weil sie jeden Ein­satz für dieses Anliegen für zu aus­sichtslos halten, um dafür auch nur ei­nen Finger zu krümmen. Nichtsdesto­trotz kann das Echo auf diese Befragungsaktion als überwältigend bezeich­net werden. Und selbst wenn nur ganz wenige ihr Eigentum zurückfordern wollten, hieße das nicht, daß sich die Politik nicht darum zu kümmern hätte. Denn Recht ist keine Frage von Mehr­heiten.

DIESES EINDRUCKSVOLLE Signal ist umso wichtiger, als die Vertriebenen­politik gerade in eine neue Phase ein­getreten zu sein scheint. Die Ära des schönen Scheins, in der sich die meisten mit dieser Frage konfrontierten Politiker zumindest noch bemühten, sich als Anwälte der Vertriebenen zu gerieren und zumindest so zu tun, als kämpften sie wie die Löwen für Recht und Gerechtigkeit, diese Ära neigt sich dem Ende zu (was nicht bedeutet, daß sie nicht in Wahlkämpfen vorüberge­hend wieder auflebt).

Jetzt beginnt eine neue Phase der Ignoranz, in die Horst Seehofer Anfang Juli mit einem Prager „Fest der Normalität" eingetreten ist. Leider, leider war Bernd Posselt ver­hindert, so daß, welch unermeßliches Unglück, kein Vertreter der Sudetendeutschen der bayerischen Delegation angehören konnte. Ganz sicher hat Seehofer ganz lange gesucht, um einen anderen Repräsentanten der Sudeten­deutschen als Reisebegleiter zu engagieren. Aber leider, leider hat sich kei­ner gefunden.

So ist bei manchen Jour­nalisten der Eindruck entstanden, daß Seehofer gar keinen Sudetendeutschen in der Delegation haben wollte. Was auch immer die wahren Ursachen für die Abwesenheit eines Vertriebenen­funktionärs in der Seehofer-Delegation gewesen sein mag, entscheidend ist der so entstandene Eindruck: Das Thema Vertriebene ist nicht mehr so wich­tig.

DEN SELBEN EINDRUCK vermittelte auch der österreichische Bundeskanz­ler, der dem tschechischen Ministerprä­sidenten Bohuslav Sobotka drei Wo­chen nach Seehofer seine Aufwartung machte. Daß sich in der österreichi­schen Delegation kein sudetendeut­scher Spitzenfunktionär befunden hat, brauchte nur deshalb nicht extra er­wähnt zu werden, weil das ohnehin nie üblich gewesen ist.

Früher wurde aber zumindest noch ein Ritual vollzogen: Ähn­lich wie beim Streitthema AKW Temelin, wo es zwischen Wien und Prag keine Eini­gung geben kann, wurde bei bilateralen Kontakten die Unterschiedlichkeit der Standpunkte etwa in Bezug auf die Beneš-­Dekrete betont. Österreichs Politiker taten also zumindest so, als würden sie in dieser Frage dranbleiben.

Jetzt besprachen Fay­mann und Sobotka in Prag eine Vielzahl von Themen, eigentlich alle, die auf der bilateralen Agenda stehen. Nur ein Thema kam nicht vor: Die Sudetendeutsche Frage tritt mittlerweile nicht einmal mehr als Worthülse in Erscheinung.

ZUMINDEST EINEN positiven Aspekt kann man dieser Phase der Ignoranz aber nicht absprechen: Sie ist wenigstens ehrli­cher als die Phase des Wir-tun-so-als-ob­-uns-das-wichtig-wäre.

MIT EINER POLITIK, die das Thema durch Verschweigen einerseits und durch Musealisierung anderseits aus dem Tagesgeschäft verdrängt, glauben die Regie­renden in Berlin, Wien und München, sich die aus einem konsequenten Vertreten der sudetendeutschen Anliegen resultieren­den Unannehmlichkeiten ersparen zu kön­nen.

INSOFERN IST DAS Signal der Teilneh­mer der Umfrage ein Wink mit dem Zaun­pfahl: Aufgepaßt, liebe Politiker, da drau­ßen gibt es doch noch ein paar Menschen, die sich nicht so billig abspeisen lassen!

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 9 vom 4. September 2014.

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