Sudetendeutscher Pressedienst (SdP) - Österreich

Wien, am 7. August 2014

 

Manfred Maurer: Normalität

DIE WELT RUNDHERUM MUTET zunehmend chaotisch an. Im Nahen Osten wird die revolutionäre Hoffnung vom islamistischen Horror zerstört. Die dramatischen Ereignisse in der Ukraine mahnen Europa, daß hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg eine Wie­derholung der Geschichte nicht für aus­geschlossen gehalten werden kann. Nahezu tägliche Enthüllungen über die Machenschaften der Geheimdienste erschüttern die transatlantische Partner­schaft. Und wer weiß, was uns die kei­nesfalls ausgestandene Schuldenkrise noch an Unbill bescheren wird?

IN DIESER chaotischen Umgebung wächst natürlich die Sehnsucht nach einem kleinen Stück Normalität. Die Politik spürt diese Sehnsucht der Bür­ger. Es ist sogar verständlich, wenn die politischen Akteure - obgleich sie das Chaos mitverantworten - selbst diese Sehnsucht teilen und daher befriedigen möchten.

ZUMINDEST DORT, wo es möglich ist. Und es gibt da ein Politikleid. wo sich so ein Refugium des Normalen herstellen läßt - noch dazu eines, wo dies bis vor ein paar Jahren noch undenkbar schien. Wie ein gallisches Dorf hatte sich Bayern Jahrzehnte einem Normalisierungsprozeß widersetzt - und daher ist die Bewunderung für die Akteure, die auf einmal nach Normalität trachten, umso größer.

HORST SEEHOFER FAHRT mittler­weile nach Prag' so als würde er schnell einmal einen Abstecher von München nach Nürnberg machen. Dreimal war er schon dort. Anfang Juli gerade wieder. Viel Aufhebens wird um eine solche Reise auch nicht mehr gemacht. Das erste Mal war noch fast eine Sensation, das zweite Mal war auch noch ein bis­serl dramatisch, und beim dritten Mal war alle, schon irgendwie stinknormal.

SEEHOFER SCHEINT tatsächlich eine Sehnsucht befriedigt zu haben: „Endlich Normalität zwischen München und Prag", titelte die Tageszeitung „Die Welt". Nur am Rande sei bemerkt: Das ist jenes Blatt aus dem Springer-Ver­lag, das bis wenige Wochen vor dem Fall des Eisernen Vorhanges 1989 die DDR nur unter Anführungszeichen ge­schrieben hat, weil es sich als letz­tes journalistisches Bollwerk gegen die Normal-Werdung der kommunistischen Diktatur auf deutschem Boden verstan­den hat.

DER VERGLEICH HINKT natürlich: Auch in Prag ist 1989 die KP-Diktatur gestürzt. Also hat die Normalisierung im deutsch-tschechischen beziehungswei­se nun auch bayerisch-tschechischen Verhältnis nicht nur seine Berechtigung, sondern ist auch ein Gebot.

WAS ALLERDINGS ins Auge sticht, ist die Krampfhaftigkeit, mit der dieser Normalisierungsprozeß nun betrieben wird. Ja, gut, Bernd Posselt war eige­nen Angaben zufolge verhindert, aber in manchen Medien (auch in der „Weit") wurde das Fehlen des sudetendeut­schen Sprechers in der Seehofer­-Delegation unwidersprochen als Geste des bayerischen Ministerpräsidenten an den neuen tschechischen Regie­rungschef Sobotka interpretiert.

Solche (Fehl?)-Interpretationen werden natür­lich gefördert, wenn das große The­ma, welches Jahrzehnte hindurch einer Normalisierung der bayerisch-tschechi­schen Beziehungen im Weg stand, nun auf einmal tatsächlich (fast) nicht mehr uu sehen und zu hören ist, wenn See­hofer Prag besucht. Man wird sehen, ob sich das mit dem geplanten Leitmeritzer Kongreß „Dialog ohne Tabus" ändern wird, aber vorerst wird die Normalität um den Preis einer Selbstverleugnung er­kauft.

Die mag dem bekanntermaßen sehr meinungselastischen bayerischen Mini­sterpräsidenten nicht schwerfallen, zumin­dest ein Teil der sudetendeutschen Lands­leute wird diese Entwicklung allerdings mit Argusaugen verfolgen und keine Lust auf Jubel über diese Art von Normalität ver­spüren.

DIE BEDENKEN SIND auch durchaus berechtigt. Denn Normalität, die im Unter­den-Teppich-Kehren von Problemen be­steht, ist eine Schein-Normalität, die nur solange funktioniert, solange die, deren Probleme aus dem Blickfeld verbannt wur­den, still halten.

Die Sudetendeutschen wollen die Sehnsucht nach Normalität ja auch gar nicht konterkarieren (sie neigen aufgrund ihrer oft tragischen Lebenserfah­rungen ja selbst dazu), sie möchten aber auch nicht, daß ihre Interessen und ihre berechtigten Anliegen in Prag auf dem Altar einer Normalität geopfert werden, die nicht ehrlich gemeint ist.

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 8 vom 7. August 2014.

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