Vor 70 Jahren: Das Ende des Kosakenstaates

Kaum ein Tourist im westlichen Oberitalien weiß heute um die Tatsache, dass in Friaul 1944 die Kosaken hofften, eine neue Heimat zu finden. Unter den Hunderttausenden Russen, die es bis 1945 in der Deutschen Wehrmacht gab, waren auch Kosakeneinheiten, die auf deutscher Seite gegen den Bolschewismus kämpften.

Als die Wehrmacht die Gebiete am Don räumen musste, flohen viele Kosaken mit ihren Familien in Trecks nach dem Westen. Aber trotz einer „Deklaration der Reichsregierung an das Kosaken-Volk“ mit dem Versprechen der Achtung ihrer Rechte waren die Kosaken ohne Heimat. Versuche ihrer Ansiedlung in Weißrussland scheiterten durch das Vordringen der Roten Armee. Manche Kosaken suchten in General Wlassow einen Führer, der aber ein Russland anstrebte ohne selbständige Kosaken.

Als im Herbst 1944 die Kosakenverbände der Waffen-SS unterstellt wurden, zählten sie 40 000 Mann Kampfstärke. Der Höhere SS- und Polizeiführer des Adriatischen Küstenlandes, Odilo Globocnik, teilte ihnen ein neues Siedlungsgebiet in Friaul zu, wo zwischen Görz, Udine und Tolmezzo ein Staat „Kosakia“ entstehen sollte. Außer den Soldaten kamen zehntausende von Zivilisten, Frauen und Kinder in 50 Eisenbahnzügen dorthin.

Ataman der Kosaken und Führer der Leitstelle für die Kosakenheere war General Pjotr Nikolajewitsch Krasnow, ein zaristischer General, der bereits 1918 zum militärischen und zivilen Anführer gewählt worden war und nach dem Bürgerkrieg nach Deutschland emigrierte.

Er wollte sich keiner großrussischen Herrschaft unterordnen, sondern einen eigenen Kosakenstaat. Schon 1941 wurde von Berlin die Aufstellung von Kosakeneinheiten  genehmigt. In Friaul zählte der Stab von Ataman Krasnow 1944 fast 2800 Offiziere und 35 Generäle.

In einer Schrift Das Land der Kosaken wollte Krasnow, der schon nach 1921 als Autor hervortrat, seinen Landsleuten die neue Heimat nahebringen. Es kam alles ganz anders. Seit April drang die britische Armee nach Venetien vor. Da das Ende des Krieges absehbar war beschloss Krasnow, nicht gegen die Engländer zu kämpfen, weil er im Bolschewismus seinen Feind sah.

Viele Kosaken zogen sich über den Plöckenpass nach Lienz zurück, wo Anfang Mai neben 15 000 Männern auch 4000 Frauen und 2500 Kinder mit 14 000 Pferden ankamen. Andere Kosaken, die gegen die jugoslawischen Partisanen gekämpft hatten und nun aus Kroatien flohen, ergaben sich den Briten bei Klagenfurt.

Trotz des Versprechens der Britischen Offiziere, die Kosaken nicht auszuliefern, geschah dies aber. Es war die Tragödie von Lienz. Die Briten lieferten die Kosaken genauso vertragsbrüchig wie sie die Kroaten bei Bleiburg Titos Henkern überließen. Die Männer wurden belogen und gaben ihre Waffen ab.

Als die Kosaken bemerkten, dass sie an die Sowjets ausgeliefert werden sollten, gab es Gegenwehr mit Toten und Verletzten. Viele der zur Auslieferung Bestimmten verübten Selbstmord. Frauen stürzten sich mit ihren Kindern die Drau

Das Schicksal der in die Sowjetunion „Repatriierten“ war bitter. Krasnow und andere wurden in Moskau hingerichtet, viele gingen in Lagern zugrunde.  Der Triestiner Germanist und Schriftsteller Claudio Magris, der im Jahre 2009 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat in seinen „Mutmaßungen über einen Säbel“ dieser Tragödie ein literarisches Denkmal gesetzt.

Rudolf Grulich

 

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