BAYERNS Ministerpräsident Horst Seehofer will ein guter Schirmherr sein. Zweifel, die in den vergangenen Mo­naten aufgekommen waren, versuchte er kürzlich bei einem Treffen mit dem Bundesvorstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft auszuräumen. Wobei anzumerken ist, daß diese Zweifel nicht vom Bundesvorstand genährt worden waren, sondern einfach unter den Landsleuten entstanden waren. Die ver­folgen nämlich die Vertriebenenpolitik aufmerksam und machen sich ihren Reim auf Aussagen und Handlungen der Akteure.

Vor diesem Hintergrund war es gut, daß Seehofer noch einmal klargestellt hat, daß die Vertriebenen in allen sie betreffenden Aktivitäten voll eingebunden sein werden. Nachdem der Sprecher Bernd Posselt an der letz­ten Prag-Visite Seehofers nicht teil­nehmen konnte, war das in manchen deutschen Medien ja als Hinweis auf eine Abwertung des Ober-Sudetendeut­schen interpretiert und sogar durchaus positiv kommentiert worden. Daß Pos­selt (wegen seines Abschiedes aus dem Europaparlament) wirklich verhin­dert war, verhindert nicht, daß Kom­mentatoren etwas anderes hineininter­pretieren. Künftig also wird Posselt wie­der dabei sein, damit nur ja keine neuen Zweifel aufkommen.

MINDESTENS EBENSO wichtig ist Seehofers Klarstellung, daß er in Prag künftig „nach und nach" auch die schwierigsten Punkte der bayerisch­tschechischen Beziehungen auf den Tisch legen werde. Ob das freilich alle Landsleute zufriedenstellen wird, steht auf einem anderen Blatt. „Nach und nach" ist ein sehr dehnbarer Begriff, der auch die Botschaft enthält: Liebe Leute, habt Geduld!

DAS IST JA die große Streitfrage: Wie erreicht man mehr - durch das geduldige Bohren dicker Bretter oder durch das forsche Einfordern von Recht und Gerechtigkeit hier und jetzt? Die einen sagen, man könne bei den Tschechen nur etwas erreichen, wenn zuvor eine entsprechende Atmosphäre geschaffen und Ängste abgebaut wer­den. Sobald sich alle lieb haben, wird man auch über die heiklen Themen reden und etwas herausholen können. Also zum Beispiel die Abschaffung der die Sudetendeutschen betreffenden Beneš-Dekrete oder vielleicht gar eine Form materieller Wiedergutmachung.

DIESE TAKTIK ist allerdings kein neuer Ansatz der deutschen Vertriebe­nenpolitik. Ein gutes Klima der Versöh­nung haben die Sudetendeutschen schon seit den ersten Jahren nach der Vertreibung zu schaffen versucht - Stichwort: Charta der Heimatvertriebe­nen, die 1950 jedem Rache- und Ver­geltungsdenken eine Absage erteilte.

DASS DIESER Vertrauensbildungs­prozeß eine sehr einseitige Angele­genheit war, ist nicht den Sudeten­deutschen, sondern den Umständen des Kalten Krieges anzulasten. Für die tschechoslowakischen Kommunisten waren die Vertriebenen ein zentrales Element ihres Gesamtfeindbildes. Da­her ist auch nach 1989 lange überhaupt nichts weitergegangen: Die jahrzehnte­lange Hirnwäsche wirkte und wirkt noch immer nach.

ALLERDINGS: WARUM ist das in Tschechien und der Slowakei, nicht aber generell im ehemaligen Ostblock so? In Serbien, Rumänien oder Ungarn etwa hat man einen viel freundlicheren Zugang gefunden. Eine Erklärung mag sein, daß Tschechen und Slowaken ihr sudetendeutsches Feindbild etwas län­ger und intensiver kultiviert haben. Es war nicht nur eine Reaktion auf die Nazi­-Verbrechen (auch wenn die Vertreibung heute von vielen damit gerechtfertigt wird), sondern auch das Ergebnis einer lange vor Hitler aufgebauten feindlichen Haltung gegenüber den Deutschen.

DIESE ERKLÄRUNG ist aber keine Rechtfertigung für die Versäumnisse heuti­ger Politiker. 25 Jahre nach der Vertrei­bung der Kommunisten von der Macht sollte es erlaubt sein, nicht nur offen über die Vertreibung 1945 / 46 zu reden, son­dern auch über die Tilgung dieses Unrech­tes. Geduld!? Ja, die Vertriebenen sind sehr, sehr geduldig gewesen. So geduldig, daß viele nicht einmal mehr die ersten Anzeichen eines Schuldbewußtseins erle­ben durften.

Wenn die heiklen Fragen in Prag nur „nach und nach" auf den Tisch gelegt werden, dann steht zu befürchten, daß dies niemand mehr aus der Erlebnis­generation erleben wird. Und wenn die Politiker es nur noch mit den Nachfahren der Opfer des größten Nachkriegsverbre­chens in Europa zu tun haben, könnte auch der moralische Druck abnehmen, in Prag noch irgendetwas auf den Tisch zu legen.

VOR DIESEM Hintergrund ist Landsleu­ten, denen der Geduldsfaden schon längst gerissen ist, volles Verständnis entgegen­zubringen. Auch wenn es unbequem ist und die Normalität der bilateralen Bezie­hungen stört: Diese Menschen haben ein Recht darauf, daß ihr Schirmherr ihre Anliegen in Prag auf den Tisch legt. Und zwar bald!

 

Dieser Kommentar von Manfred Maurer erschien in der Sudetenpost Folge 11 vom 6. November 2014.

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