Verschweigen der deutschen Kultur in den Kulturhauptstädten Europas

Utl.: Die Bekanntheit des Pilsener Bieres stellt Plzeň in den Schatten

Als eine jährliche Kulturinitiative der EG bzw. seit 1995 der EU gibt es seit 1985 den Titel Kulturstadt, seit 1999 Kulturhauptstadt Europas. Bis 1999 war es jeweils nur eine Stadt, seit 2000 sind es mindestens zwei bedeutende europäische Städte. Vor der Wende der Jahre 1989 bis 1991 waren es nur Städte diesseits des Eisernen Vorhangs: Athen (1985), Florenz (1986), Amsterdam (1987), West-Berlin (1988), Paris (1989), Glasgow (1990), Dublin (1991).

Da von Seiten der EG für mehrere Jahre voraus geplant wurde, und die Verantwortlichen mit der historischen politischen Umwälzung in Europa nicht rechneten, waren auch bis 1998 alle ausgewählten Städte im westlichen Europa: Madrid, Antwerpen, Lissabon, Luxemburg, Kopenhagen, Thessaloniki und Stockholm. Erst 1999 waren mit Weimar und 2000 mit Krakau und Prag erstmals Städte des ehemaligen Ostblocks vertreten.

2007 finden wir dann mit Hermannstadt, 2009 mit Wilna, 2010 mit Fünfkirchen und 2011 mit Reval wieder alte Zentren deutscher Kultur, wobei aber diese Kulturhauptstädte nur als Sibiu, Vilnius, Pécs und Tallinn genannt wurden und im Bewusstsein der Europäer, auch der meisten Deutschen und Österreicher als Städte der rumänischen, litauischen, ungarischen und estnischen Kultur galten. Das galt auch, als 2012 Marburg an der Drau,  2013 Kaschau und 2014 Riga als Kulturhauptstädte gewählt wurden. 

Wenn nun 2015 Pilsen und 2016 Breslau vorgesehen sind, dürfte es leider nicht anders sein. Wer hat Maribor und Košice als deutsche Stadtgründungen gesehen und hat das auch im Deutschen und Lettischen gleichklingende Riga mit deutscher Kultur verbunden? Daher muss heuer im Interesse Europas der deutsche Beitrag zur Kultur der Kulturhauptstadt Pilsen vorgestellt werden, was leider für Reval, Marburg, Kaschau und Riga kaum oder nicht geschah.

Wer kennt heute noch Dichter wie Werner Bergengruen aus Riga und sein Geschichtenbuch „Der Tod von Reval“? Nicht einmal Germanistikstudenten ist der Name Bergengruen ein Begriff. Bei Marburg denken Deutsche nur an Marburg an der Lahn, aber nicht an das alte Marburg an der Drau, das bis 1918 eine mehrheitlich deutsche Stadt war. Heute sprechen die Touristen nur noch von Maribor. Aber schon Wolfram Eschenbach berichtet im „Parzival“ von Cilli und seinem Ritt über dem Rohitschen Berg. Seit dem Mittelalter kennen wir deutsche Dichter aus diesem Gebiet.

Als in der Reformation Primus Truber seine slowenische Bibelübersetzung veröffentlichte, schrieb er über seine Landsleute: „Wölche aber in Lands Crein, Untersteyer und Kärnten sitzen und ir Wohnung haben, die halten sich nach Art und Aigenschafft der Teutschen.“ 

In der Untersteiermark sind als deutsche Autoren Ottokar Kernstock (1848-1928) aus Marburg zu nennen, Anna Wittula (1861-1918) ebenfalls aus Marburg, Ernst Goll (1887-1912) aus Windischgrätz sowie Autorinnen aus  Cilli wie Anna Wambrechtsamer und Margarete Weinhandl. Am bekanntesten ist in Österreich noch Max Mell, der Dichter, Erzähler und Dramatiker, der 1882 in Marburg geboren wurde. Wir werden in den nächsten Ausgaben auf heute vergessene Namen von Persönlichkeiten deutscher Kultur aus Pilsen aufmerksam machen.

Rudolf Grulich

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