Gespeichert von Nechvatal am Do., 18.09.2014 - 15:21

 

Gegen den monströsen Chor der Verharmloser

von Gernot Facius

Es vergehen zwar noch acht Monate bis zum nächsten Sudetendeutschen Tag, doch die SL-Führung um Bernd Posselt plant schon den „großen Wurf«. Ein internationaler Kongreß zum ewig-aktuellen Mega-Thema Vertreibung soll das traditionelle Pfingsttref­fen in den Augsburger Messehallen begleiten, Posselt möchte hochkarätige Wissen­schaftler und Politiker dafür gewinnen. Recht so: Denn im Frühjahr 2015, also vor genau 70 Jahren, begann die Vertreibung der Deut­schen aus Böhmen, Mähren und Schlesien.

Die Erinnerung daran ist eine anspruchsvolle Herausforderung „Aufzuarbeiten", wie das Modewort lautet, gibt es einiges. Daß es da­bei angesichts der Konflikte im Irak, in den Krisenregionen des Nahen Ostens und der politischen Erschütterungen in Osteuropa nicht nur um das Schicksal der Sudetendeut­schen gehen kann, versteht sich von selbst. Die deutschen Heimatvertriebenen haben sich, eingedenk ihrer eigenen Erfahrungen, stets für die Ächtung jedweder Vertreibung engagiert. Humanitas ist unteilbar.

Fragwürdig könnte das Projekt allerdings werden, wenn eine „Europäisierung" oder „Internationalisierung" des Problems die Suche nach eigenen, nationalen Antworten auf die offenen Fragen im (sudeten-)deutsch-tsche­chischen Verhältnis in den Hintergrund drän­gen oder gar verdrängen würde.

Das würde zwar, wie seit langem gewünscht, erstmals einem Prager Regierungsmitglied die Reise nach Augsburg erleichtern (und der bayeri­sche Ministerpräsident Horst Seehofer könn­te sich in seiner Rolle des „Eisbrechers" bestätigt fühlen), aber unterm Strich käme eine etwas windige Alibi-Veranstaltung her­aus. Wie schon bei den Debatten um die Ber­liner Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Ver­söhnung" gilt auch hier: Bei aller Sensibilität für die globale Dimension des Themas dürfen eigene Rechtspositionen nicht einem fal­schen Pragmatismus geopfert werden.

Es ist ja wahr. Und man sollte das nicht kleinreden: Es hat sich einiges zum Positiven verändert. In tschechischen Intellektuellen­ Zirkeln, unter jüngeren und jungen Histori­kern, Politologen und Publizisten ist die Ent­rechtung und Vertreibung der Sudetendeut­schen kein absolutes Tabu-Thema mehr - im Gegensatz zu dem in Prag den Ton ange­bendem politischen Personal, das sich stur einer vorurteilsfreien Auseinandersetzung versperrt.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Aus der Geschichte gelernt haben vor allem die Kirchen. Daß die Vertreibung eine „impe­rative Notwendigkeit" gewesen sei, wie sich der damalige Prager Kardinal Josef Beran verirrte, würde heute kein katholischer Würdenträger mehr so sagen. Aber die Kirchen in der Tschechischen Republik leben in einer Minderheitenposition, als gesellschaftliche Kraft, die den Herrschenden ins Gewissen redet, fallen sie aus. Das ist das Problem.

Gut, es gibt die freundlichen (gleichwohl interpretierbaren) Worte des „Bedauerns“ der Vertreibung aus dem Munde des ehemaligen Regierungschefs Petr Nečas während eines München-Besuchs im Februar 2013. Aller­dings wurde Nečas' Rede zu hoch bewertet, politische Konsequenzen sind ausgeblieben, und die derzeitige Regierung hat nicht im Ent­ferntesten die Absicht, daran etwas zu än­dern. „Durchbrüche" im bilateralen Verhältnis, „historische Momente", existieren bislang nur in der Münchener Propagandawelt.

Von Durchbrüchen" ließe es sich reden, wenn endlich die rassistischen Beneš-De­krete samt dem unrühmlichen Straftaten-Frei­stellungsgesetz in die Rumpelkammer der Geschichte gestellt und Schritte zu einem tatsächlichen Ausgleich mit den Opfern unter­nommen würden. Verständigungsversuche mit Prag verdienen Respekt, doch tritt man Seehofer, dem Schirmherren der sudeten­deutschen Volksgruppe, nicht zu nahe, wenn man die Befürchtung offen ausspricht:

Um einen irgendwie gearteten bayerischen Vor­teil zu ergattern, sei er bereit, bei der Proble­matisierung der Beneš-Dekrete zurückzuwei­chen oder zumindest rhetorisch abzurüsten. Bildhaft ausgedrückt: Das bayerische Hemd ist ihm allemal näher als der sudetendeut­sche Rock. Seine Einlassungen aus jüngster Zeit deuten darauf hin, dafür wurde er in der Presse gut benotet.

Die Vertreibung der Deutschen in einen größeren, weltpolitischen Zusammenhang zu stellen, ist nicht falsch - solange die jeweili­gen Motive beachtet werden. „Vertrieben für Frieden" lautete die perfide Formel, mit der die „Bevölkerungstransfers" nach dem grie­chisch-türkischen Krieg 1923 begründet wurden, daran knüpften 20 Jahre später Roose­velt und Churchill an.

Es ist auf jeden Fall unhistorisch, so zu tun, als wäre das Groß­verbrechen der Vertreibung der Deutschen eine logische Konsequenz des Zweiten Weltkrieges. Nicht alles läßt sich mit den Täter / Opfer-Schablonen erklären beziehungsweise rechtfertigen. Was den Vertriebenen wider­fahren ist, war Landraub im großen Stil, aus­gedacht in den panslawistischen Expansionsphantasien lange vor Kriegsbeginn. Der Krieg hat die Realisierung dieser Gedanken streng genommen nicht verursacht, sondern ermög­licht. Ein essentieller Unterschied.

Wenn Prag und Warschau heute noch mit dem Ar­gument hausieren gehen, man habe ja nur Beschlüsse der Potsdamer Konferenz exeku­tiert, dann ist das eine Geschichtsklitterung ersten Ranges, auf die leider Gottes schon zu viele Politiker und Publizisten hereingefal­len sind. Als die Konferenz von Potsdam am 17. Juli 1945 eröffnet wurde, waren bereits Millionen Deutscher aus Ostpreußen, Danzig, Pommern, Ostbrandenburg, Schlesien, dem Sudetenland, Ungarn, Jugoslawien usw. aus ihren Heimatgebieten verjagt worden. Dieses Faktum wird in den ehemaligen Vertreiber­staaten allzu oft verdrängt, an der Moldau wie an der Weichsel.

Bis heute sei die Mehrheit der Polen über die Vertreibung der Deutschen schlecht infor­miert, schreibt Thomas Urban („Süddeutsche Zeitung") in der vom Deutschen Bundes­tag herausgegebenen Zeitschrift „Das Parla­ment“, die objektive Aufarbeitung des sperri­gen Themas durch polnische Historiker habe die breite Öffentlichkeit nicht erreicht: In Polen fand bis heute keine Debatte darüber statt, warum Repressalien kopiert wurden, die die Polen selbst während des Zweiten Weltkrieges erduldeten."

Zwar habe es sich nicht um eine Vernichtungspolitik wie unter der deutschen Besatzung gehandelt, „wohl nahm die Führung in Warschau bei der Ver­drängung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße den Tod vieler Betroffener billigend in Kauf... Auch die ka­tholische Kirche Polens protestierte nicht ge­gen die Art und Weise, wie die Deutschen behandelt wurden".

Es gibt also genug Gründe und Anlässe, die Geschichte der Vertreibung der Deut­schen ins Zentrum der politischen und wis­senschaftlichen Debatte zu rücken - gegen den monströsen Chor der Verharmloser, der Verleugner, die die Vertreibung relativieren, bagatellisieren, um sie schließlich zu akzeptieren" (der amerikanische Völkerrechtler Professor Alfred de Zayas). Zusammengefaßt heißt das: Es geht um die Versöhnung der Deutschen mit sich selbst, der vertriebe­nen Minderheit mit der nicht vertriebenen Mehrheit, in einem Land, das von den Vertrie­benen oft genug als kalte Heimat" empfunden wurde.

Dieser Kommentar von  Gernot Facius erschien in der Sudetenpost Folge 9 vom 4. September 2014. Sie können die Sudetenpost – die monatlich erscheint - im Inland um   € 31,--, in Deutschland und im EU-Raum um € 37,-- und in Übersee um € 60,-- beziehen.

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