Zu den Vertreibungsberichten sudetendeutscher Priester im Archiv des Hauses Königstein in Nidda

Zeitzeugen werden heute neu entdeckt: In Schulen und in der Erwachsenenbildung werden sie eingeladen, Landeszentralen für politische Bildung widmen ihnen Schülerwettbewerbe.

Eine wertvolle Dokumentation von Zeitzeugen der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg liegt in Königstein im dortigen Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien.

Seit 1947 hatte das Priesterwerk der Königsteiner Anstalten alle erreichbaren vertriebenen ostdeutschen Priester angeschrieben und um Berichte zur Vertreibung gebeten. Es hieß in dem Anschreiben:

„Ein Gesamtbild der Austreibung aus unserer alten Heimat hat sicherlich nicht nur für jetzt, sondern auch für spätere Zeiten einen großen Wert. Wir möchten Sie deshalb bitten, einen Bericht über die Zeit vom Kriegsende bis zu Ihrer persönlichen Ausweisung zu schreiben. Er soll folgendes enthalten:

1.    Als Einleitung eine ganz kurz gehaltene Beschreibung der Gemeinde, Größe, deutsch, oder wenn zweisprachig, zu wie viel Prozent deutsch, wie viel Katholiken. Land- oder Indust­riegemeinde.

2.   Die Ereignisse in ihrem Ablauf, soweit Sie sich an sie erinnern und die Angaben vor dem Gewissen verantworten können.

3.   Ungefähre Zahl der Toten, davon Selbstmorde, Verschleppungen, Lager, andere Drangsalie­rungen, Verhalten der tschechischen Mitbrüder u. s. w.

4.    Persönliche Erlebnisse bis zum Tage der Ausweisung, die Ausweisung selbst, die Aufnahme im Reich.

5.   Besondere Ereignisse.

       Wenn Bildmaterial über die Gemeinde, besonders über ihre Kirche vorhanden ist, bitten wir  wenigstens um leihweise Überlassung.

     Wo notwendig, sollen kleine Kartenzeichnungen Geschildertes erläutern.“

Prälat Kindermann hatte 1947 nur die Adressen der ostdeutschen Priester in Deutschland zur Verfügung. Das zeigt auch der Königsteiner Schematismus vom Jahre 1949, der sich Verzeichnis der Priester aus dem Osten, die in den vier Besatzungszonen Deutschland leben. Da zum Beispiel die meisten Priester aus Südmähren nach Österreich vertrieben wurden, sind nur wenige Berichte aus der Diözese Brünn in Königstein eingegangen.

Die eingegangenen Berichte von Priestern aus dem Sudetenland liegen in Nidda in Ordnern nach Diözesen geordnet: Prag, Leitmeritz, Königgrätz, Budweis, Olmütz, Brünn und Breslau. Die Berichte sind nicht vollständig, da nicht jeder Priester antwortete oder gar nicht erfasst war. Die erhaltenen Berichte reichen von wenigen Zeilen bis 20 Seiten, oft auf schlechtem Papier geschrieben, sogar auf der Rückseite von Landkarten, handschriftlich, manchmal in Stenographie, oft auch mit der Schreibmaschine.

Bisher sind nur die Berichte aus dem Schönhengstgau in Buchform erschienen. Rudolf Grulich hat sie für den Schönhengster Heimatbund unter dem Titel „Zeitzeugen der ethnischen Säuberung 1945/46. Katholische Priester berichten aus dem Schönhengstgau“ herausgegeben. Für weitere Heimatkreise (Egerland, Böhmerwald) wird die Herausgabe vorbereitet. In dem Büchlein zum 80-jährigen Priesterjubiläum von Geistlichem Rat Alois Tille ist dessen Ausweisungsbericht aus Ottenreuth abgedruckt.

Eine Auswahl von Berichten, die vertriebene Priester in Franken verfassten und nach Königstein sandten, hat Professor Adolf Hampel 2006 für das Buch Kirchliche Heimat in Franken übertragen, und zwar für die Pfarreien Rokitnitz im Adlergebirge, Parschnitz bei Trautenau, Olmütz-Neustift, Ober Thomasdorf bei Freiwaldau, Aussig, Kroh im Kreis Dauba und Zuckmantel im Sudetenschlesien.

Seitdem Julia Nagel solche Vertreibungsberichte in der Sudetendeutschen Zeitung vorstellte, ist das Interesse der Landsleute gestiegen und werden vom Haus Königstein immer wieder Kopien der Originale und oft auch Übertragungen von handschriftlichen, in alter deutscher Schrift verfassten Berichten verlangt, da viele jüngere Landsleute die Schrift nicht mehr lesen können. Der Heimatkreis Kuhländchen hat die Berichte der Kreise Fulnek, Wagstadt, Neutitschein und Odrau ins Internet gestellt.

70 Jahre nach der Vertreibung sind wir bemüht, die Originalberichte auch für andere Heimatlandschaften und Heimatkreise auszuwerten.

Angelika Steinhauer

 

Neue Heimat seit 70 Jahren

http://www.infranken.de/regional/bad-kissingen/Neue-Heimat-seit-70-Jahren;art211,1702397

 

 

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