Immer Realist und dennoch voller Zuversicht –
zum Gedenken an Prälat Dr. Karl Reiß



Reiß wurde am 20. September 1910 in Altzedlisch bei Tachau in Böhmen als Sohn des Kleinlandwirts und Fuhrunternehmers Johann und Margarete Reiß geboren. Die tiefe Frömmigkeit, Rechtschaffenheit und Anspruchslosigkeit in seiner Familie sollten ihn von Kindheit an bis zu seinem Tod prägen.

Nach der Matura im Konvikt in Mies nahm er sein theologisches Studium in Prag auf und wurde am 1. Juli 1937 zum Priester geweiht. Weitere Stationen seines geistlichen Werdegangs waren Obříství bei Melnik, Plan bei Marienbad und Haid. Ab 1. April 1940 wurde Reiß Sekretär des Generalvikars für den deutschen Anteil der Erzdiözese Prag in Schlackenwerth.

Ein großer Einschnitt in seinem Leben und besonders in der für die Deutschen im Sudetenland schicksalsträchtigen Zeit nach Kriegsende am 8. Mai 1945, war seine Verhaftung durch die tschechische Polizei am 25. Februar 1946, weil er „wahrheitstreu und pflichtgemäß an seine kirchliche Behörde über das Leid der Deutschen berichtet hatte“. Das Erleben der Vertreibung und die Not zusammen mit seinen Landsleuten haben wohl sein Gottvertrauen und seine marianische Frömmigkeit nicht nur für sein weiteres seelsorgerisches Wirken entscheidend geprägt, denn einst sagte er in einem Gespräch: „Ich habe es nie bereut, Priester geworden zu sein und bin meines priesterlichen Berufes immer froh gewesen.“

Nach der Vertreibung erreichte Reiß seine neue Heimat Hessen. Angekommen in Hessen musste er für sich zunächst eine neue „Verwendung“ suchen, eine neue Existenz aufbauen. Erste Station seines Wirkens war die neue Diasporagemeinde Fronhausen bei Marburg, bevor er nach nur wenigen Wochen am 12. Oktober 1946 auf eigenes Ansuchen als Kaplan in St. Marien Offenbach am Main in der Diözese Mainz angestellt und später dort Jugendseelsorger wurde. Es folgte schon 1947 die Ernennung zum Diözesanvertriebenenseelsorger, was gerade kurz nach der Ankunft der Vertriebenen in der späteren Bundesrepublik Deutschland ein sehr schwieriges und verantwortungsvolles Amt bedeutete. Reiß jedoch meisterte es mit Bravour und es gelang ihm – treu dem Prophetenspruch im Babylonischen Exil „Tröstet, tröstet mein Volk!“ – den Menschen Hoffnung zu geben, gleichzeitig aber auch Realist zu bleiben.

Schon während der permanenten Sammlung der Adressen seiner ehemaligen Pfarrkinder verfasste und verschickte Reiß bereits nach 1946 erste Rundschreiben mit dem Titel Wegweisende Worte. Diese Briefe gelten heute als Zeitzeugnisse, die nicht besser sein könnten, um die Umstände der damaligen Zeit zu verstehen, gerade für die Generation der Nachgeborenen.

Ab 1. Mai 1955 nahm Reiß die Stelle des Pfarrrektors in Offenbach an, später wurde er in der neuerrichteten Pfarrei Heilig Kreuz in Offenbach/Waldheim Pfarrer. Dort gab es für ihn viel zu tun. Reiß initiierte den Bau der Pfarrkirche und des Pfarrhauses. Fünf Jahre später kam der Bau des Gemeindezentrums „Haus am Wiesengrund“ hinzu.

Neben seiner Tätigkeit als Diözesanvertriebenenseelsorger der Diözese Mainz war Reiß auch Mitglied der liturgischen Kommission, Beisitzender Richter im Ehegericht/Offizialat und in zwei Wahlperioden Mitglied des Priesterrates. Reiß gelang es, einen Nachfolger für sein Amt als Diözesanvertriebenenseelsorger zu finden. Dieses wichtige Amt nimmt heute Pfarrer Dr. Wolfgang Stingl wahr, der zugleich auch Erster Vorsitzender des Haus Königstein – Institut für Kirchengeschichte von Böhmen-Mähren-Schlesien ist.

In den Königsteiner Anstalten, dem „Vaterhaus der Vertriebenen“ war er seit seiner Gründung bis zum Tode Kindermanns 1974 Zweiter Vorsitzender, danach wurde er bis zu seinem eigenen Tod 1985 in jeder weiteren Periode als Erster Vorsitzender bestätigt.


1960 wurde Reiß außerdem zum Geistlichen Rat der Diözese Mainz ernannt, 1966 nahm er seine Tätigkeiten als Sprecher der sudetendeutschen Priester aus der Erzdiözese Prag auf, ebenso 1975 als Sprecher der sudetendeutschen Priester und Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Heimatvertriebenen deutscher Zunge aus Böhmen und Mähren-Schlesien. 1968 und 1974 folgten die Ernennungen zum Monsignore und zum Ehrenprälaten und schlussendlich 1977 zum Apostolischen Pronotar.

Unzählige Auszeichnungen und Ehrungen wurden ihm zuteil, darunter Plaketten und Ehrennadeln von Institutionen der sudetendeutschen Volksgruppe und Ehrenbürgerwürden wie etwa des Heimatortes Altzedlisch oder das Goldene Ehrenzeichen der Egerländer.
Nach diesem so erfüllten Leben nahmen hochrangige Persönlichkeiten aus Kirche und Politik an seinem Grab Abschied. Dies beweist das große Ansehen zu Lebzeiten von Reiß. In der Gruft der von ihm erbauten Kirche Heilig Kreuz in Offenbach wurde er von ihnen am 22. April 1985 zur letzten Ruhe gebettet.

Seinem Losungswort, welches auf seinem Primizbild abgedruckt war, war der Armenpriester, wie er sich selbst bezeichnete, 48 Priesterjahre in allen Höhen und Tiefen seines Lebens treu geblieben:

„Herr, lass mich wirken in meinem Volk für Dich, für Deine Ehre, für Dein Reich auf Erden!“

Julia Nagel
 

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